Die brandenburgische Kleinstadt Fürstenberg an der Havel liegt gute 150 Straßenkilometer südlich von Stralsund und ist von hier in anderthalb Stunden Fahrt zu erreichen. Vom Zentrum Berlins aus sind es über die B96 etwa 90 Kilometer.
Mit der Berliner Nordbahn benötigt man von Stralsund etwa zwei Stunden, von Berlin aus die Hälfte. Ab dem Bahnhof Fürstenberg führt ein etwa 25-minütiger Fußweg zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.
In Ravensbrück errichtete die SS ab 1939 das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet. Über 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche aus über 30 Nationen wurden bis 1945 als Häftlinge registriert. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das Lager, in dem rund 2.000 kranke Häftlinge zurückgelassen worden waren. Man geht davon aus, dass im Konzentrationslager Ravensbrück 28.000 Häftlinge ermordet wurden.
Herbert Lange kam Mitte 1942 nach seinem Einsatz in Posen zum Amt IV (Geheime Staatspolizei) des Reichssicherheitshauptamtes nach Berlin. 1943 wurde er dort stellvertretender Referatsleiter des Referates IV E 3 (Abwehr West – Schweiz, Frankreich, Belgien). Mit Hilfe eines eingeschleusten Spitzels gelang der Sonderkommission Lange die Enttarnung des sog. „Solf-Kreises“, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die von Regimekritikern der teils liberalen, teils konservativen deutschen Eliten getragen wurde. Anfang 1944 genehmigte Himmler eine von Lange vorgeschlagene groß angelegte Verhaftungsaktion. Die meisten Mitglieder der Gruppe wurden verhaftet und hingerichtet. Nur wenige Angehörige des Solf-Kreises haben überlebt. Im Laufe des Jahres verlegte die Sonderkommission Lange aufgrund der Kriegseinwirkungen ihren Sitz in die Sicherheitspolizeischule Drögen bei Fürstenberg an der Havel. Ihre Gefangenen wurden im „Zellenbau“ des nahe gelegenen KZ Ravensbrück, aber auch in der Sicherheitspolizeischule selbst untergebracht und verhört. Bereits vor den Verhaftungen im Zuge des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 wurden die Häftlinge in Drögen bzw. Ravensbrück „verschärft vernommen“, also geschlagen und gefoltert. Detaillierte Auskunft zu diesen Vorgängen bietet das Buch „Fürstenberg-Drögen – Schichten eines verlassenen Ortes“ von Florian von Buttlar, Stefanie Endlich und Annette Leo, erschienen in der Edition Heinrich, Berlin, 1994.
Der in diesem Kontext von Himmler in einer Rede persönlich belobigte und inzwischen zum SS-Sturmbannführer beförderte Lange hatte seine Frau und seine Töchter an diesen Ort des Verbrechens vor den Luftangriffen auf Berlin in Sicherheit gebracht. Christabel Bielenberg, die im Winter 1944/45 auf dem Weg zu ihrem in Ravensbrück inhaftierten Mann war, begegnete Langes Familie im Eisenbahnabteil auf dem Weg dorthin. Die Augen der beiden Töchter erinnerten sie an den Vater, dem sie kurze Zeit später in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße begegnete:
„Nun konnte ich ihn erkennen. Es war nicht mehr nur eine körperlose Fistelstimme, sondern ein kleiner, untersetzter, noch jüngerer Mann mit einem birnenförmigen Kopf. Er hatte dunkles, schütteres Haar über einer hohen schmalen Stirn, rundliche Backen und einen kleinen Mund mit wulstigen Lippen. Er war gewiss keine Schönheit, aber es war der Ausdruck seiner Augen, der ihn so grauenerregend machte. Sie lagen nahe beieinander, waren sehr klein, sehr blau, sehr kalt und starrten mich intensiv und wachsam an.“
Zitiert aus: Christabel Bielenberg, Als ich eine Deutsche war, 1934 -1945, Eine Engländerin erzählt, C.H. Beck, München, 1969.
Wohl keiner der Täter aus Fürstenberg-Drögen ist nach 1945 wegen seiner Taten dort bestraft worden. Die meisten ihrer Opfer, die dort verhört und gefoltert worden waren, starben unter dem Fallbeil oder durch den Strang der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee oder wurden noch in den letzten Kriegstagen ermordet. „Die Täter, die nicht bestraft wurden – auch dies ist ein Teil der Geschichte des vergessenen Ortes in Drögen“, heißt es in dem o.g. Buch über die Sicherheitspolizeischule Fürstenberg-Drögen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente das etwa 50 ha große Gelände bis 1990 als Kaserne der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Von den Gebäuden steht heute nichts mehr. Lediglich ein verblasstes sowjetisches Ehrenmal kündet nahe der B96 noch von diesem Ort und seiner Geschichte.

Foto: Peter Hoffmann

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