Der Laden

Frische Bücher! Frische Bücher! Am 11. September 2014 öffnete die STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung ihre Türen. Neben den Stralsund-Krimis, Regional-Kochbüchern, Fünf-Minuten-Geschichten, der Stralsunder Strandkorb-Lektüre und anderen Publikationen aus dem STRANDLÄUFER Verlag findet man dort eine exquisite Auswahl Kinder- und Jugendbücher, opulente Kochbücher, schöne Bücher über Stralsund und Vorpommern sowie einen Tisch mit handverlesener neuester und zeitlos aktueller Belletristik. Ein Laden voller Lieblingsbücher also. Frische Bücher! Frische Bücher! Die jüngste Buchhandlung Stralsunds befindet sich in einem der ältesten Häuser der Stadt – dem Museumshaus Mönchstr. 38. Seit 600 Jahren wird an diesem Ort mit den unterschiedlichsten Dingen gehandelt. Peter und Katrin Hoffmann sind die 26. Generation „Krämer“ in diesem einmaligen Museumsstück, das die Besucher vom Kriechkeller bis zum Aufzugsrad erkunden können. 1990 erhielt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz das stark beschädigte und seit Jahren unbewohnbare Haus als Schenkung. Mit großem Aufwand wurde daraus ein lebendes Museum, das Auskunft über die Bau- und Alltagskultur in einem der wenigen original erhaltenen Krämerhäuser Norddeutschlands gibt. Auch die Einrichtung der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung ist geschichtsträchtig: Antike Apotheker-Schränke aus Stralsunds ältester Apotheke bilden den Rahmen für neue und alte Bücher, Autographen, kulinarische Kostproben und skurrile Stralsund-Souvenirs. Ein Ort zum Stöbern, Entdecken und zum Zeit vergessen. Frische Bücher! Frische Bücher! 25 Quadratmeter Ladenfläche – das bedingt Beschränkung und Auswahl, bietet aber gleichzeitig die Chance zu Diskussion und Austausch. Die Besucher der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung machen bereits regen Gebrauch davon. Viele verraten ihre Lieblingsbücher, die sich dann gegebenenfalls im Sortiment wiederfinden. Und jeder darüber hinausgehende Wunsch kann per Bestellung erfüllt werden. In der Regel dauert es nur 24 Stunden, bis das gewünschte Buch in der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung abgeholt werden kann.
Wenn Sie uns erreichen wollen:

STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung
Mönchstr. 38
18439 Stralsund
Telefon: 03831/6660555
E-Mail: info@strandlaeufer-verlag.de
Öffnungszeiten: Montag – Freitag 10 bis 18 Uhr Samstag 10 bis 14 Uhr

Die STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung verfügt seit Kurzem über ein neues Dienstfahrzeug: Mit dem BÜCHER!-Fahrrad sind wir im Stadtgebiet in Sachen Kundenservice unterwegs.

 


Das Museumshaus Mönchstraße 38, in dem wir seit 2014 die STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung betreiben, ist ein Ort, der Geschichte vom 14. Jahrhundert bis heute erlebbar macht. Seit September 2024 haben wir Kenntnis, dass in diesem Haus Herbert Lange (1909 bis 1945) aufgewachsen ist und zwei Drittel seines Lebens verbracht hat. Herbert Lange ist ein NS-Kriegsverbrecher, eine Schlüsselfigur des Holocaust. Seine Mutter Anna Lange betrieb in der Räumlichkeit unserer Buchhandlung ihr Lebensmittel-Geschäft.

Vor dem Nachbarhaus Mönchstr. 39 liegt ein Stolperstein für Max Cohn, Jahrgang 1909 – wie Herbert Lange. Max Cohn wurde deportiert und 1940 ermordet. Opfer und Täter Tür an Tür. Wir als Buchhandlung und ausgezeichneter Ort der Kultur betrachten dieses Wissen als Verpflichtung, aufzuklären und zu erinnern: Nur so lässt sich aus der Geschichte lernen.

Hier finden Sie Informationen zu Herbert Lange sowie über unsere Bemühungen in diesem Kontext.

Katrin und Peter Hoffmann 
STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung, Mönchstr. 38, 18439 Stralsund
www.strandläufer-verlag.de

 

Eine unerhörte Geschichte – Herbert Lange, einer der übelsten Nazi-Verbrecher, aufgewachsen im Museumshaus Mönchstraße 38

Die Werbelinie der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung zeigt eine Gesamtansicht des Museumshauses Mönchstraße 38, in dem sich unser Lädchen befindet. Und dazu das Motto „Stralsund – eine Stadt voller Geschichte und Geschichten“, das sowohl das Verlagsprogramm widerspiegelt als auch auf das geschichtsträchtige Haus, das Eigentum der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist, verweist. – Als wir vor zehn Jahren, am 11. September 2014, dort die Verlagsbuchhandlung eröffneten, haben wir dies mit Bezug auf den Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 unter das Motto „wider die Barbarei“ gestellt. Von Beginn an haben wir unsere Buchhandlung als einen Ort der Demokratie und der Aufklärung verstanden. – Für die Teilhabe an Demokratie, für die eigene Meinungsbildung ist das Lesen Grundvoraussetzung.

Seinerzeit konnten wir nicht ahnen, mit welcher Geschichte wir uns zu unserem zehnjährigen Bestehen konfrontiert sehen. Am Freitag, 06. September 2024, titelte die Ostsee-Zeitung auf der Lokalseite: „Britischer Autor auf den Spuren von Stralsunds schlimmstem Massenmörder“. Darunter formatfüllend ein Foto des Autors Andrew Wallis mit verschränkten Armen vor dem Museumshaus, vor der geöffneten Ladentür der Buchhandlung. Sowie der einleitende Satz, dass dieser sich eigentlich nicht vor dem Haus fotografieren lassen wollte, um „nicht zu sehr mit Lange verbunden zu sein“, wie Andrew Wallis zitiert wird. Das Stralsunder Museumshaus – ein Unort, mit dem man besser nichts zu tun haben möchte? Zudem deutet der Artikel an, dass das Stralsund-Museum als Treuhänder des historischen Gebäudes die Auseinandersetzung mit dem Thema Herbert Lange verweigere: Es gebe keinen Hinweis in der Ausstellung, dass einer der übelsten Nazi-Schergen in diesem Haus „zwei Drittel seines Lebens verbrachte“, heißt es dort.

Nun handelt es sich bei Herbert Lange tatsächlich um einen der schlimmsten Nazi-Verbrecher. Er war führend mit der Umsetzung der Aktion T4 betraut, der sogenannten „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Herbert Lange war der erste Kommandant des ersten Vernichtungslagers Chelmno, der dort mit dem „Kommando Lange“ die sogenannte „Endlösung“ unter dem Einsatz von Gaswagen erstmals massenwirksam in die Praxis umgesetzt hat. Er ist damit zweifelsohne eine Schlüsselfigur des Holocaust. Chelmno als Standort der ersten Vergasungsanlagen wurde im Gedächtnis der Menschheit zum Synonym für Unmenschlichkeit. Dabei war Herbert Lange kein bloßer Schreibtischtäter, sondern ein Schlächter, der vor Ort gemordet hat. Späterhin war er in Berlin mit der Verfolgung der Verschwörer des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 befasst, wofür er von Heinrich Himmler ausdrücklich belobigt wurde.

Dies alles beschreibt der Wissenschaftler und Autor Andrew Wallis in seinem Artikel „Herbert Lange – Stralsunds „vergessener“ Mann mit einem „unvergesslichen“ Leben““, erschienen in den „Stralsunder Heften für Geschichte, Kultur und Alltag“, herausgegeben im Verlag Edition Pommern vom Stadtarchiv Stralsund, der Kreisvolkshochschule Vorpommern-Rügen und dem Stralsunder Geschichtsverein e.V. Das Heft ist in unserer Buchhandlung erhältlich.

In einem Vortrag in der Kreisvolkshochschule präsentierte Andrew Wallis am 10. September 2024 seine Forschungsergebnisse in einem einstündigen Vortrag. Das Interesse war groß, der Saal vollbesetzt, die anschließende Diskussion nochmals aufklärend und wegweisend.

Nun ist Herbert Lange in Stralsund – im heutigen Museums- und Denkmalhaus Mönchstraße 38 – aufgewachsen, hat dort zwei Drittel seines Lebens – mithin seine prägenden Jahre – verbracht: ein Junge, ein junger Mann wie viele andere. Aufgewachsen in diesem Haus mit den gleichaltrigen Nachbarskindern Gerhard und Felix Gerson sowie Max Cohn, die zur gleichen Zeit in der Mönchstraße 31 und 37 wohnten und aufgrund ihres jüdischen Glaubens aus Stralsund deportiert und umgebracht wurden. Täter und Opfer in buchstäblich engster Nachbarschaft. Auch das macht das Haus Mönchstraße 38 zu einem Kristallisationspunkt von Geschichte.

Nicht zu leugnen ist die direkte persönliche Verbindung, die vom Museumshaus Mönchstraße 38 zu den übelsten Verbrechen des Dritten Reiches führt. Als Erstes kamen uns die eindringlichen Chelmno-Szenen in Claude Lanzmanns filmischer Dokumentation „Shoah“ in den Sinn. Wir haben unsere Frage, ob das Museumshaus durch den Fall Herbert Lange womöglich kontaminiert sei, mit Andrew Wallis diskutiert. Er verneinte: Wallis geht es vielmehr um Erinnerung und Gedenken, um die Wechselwirkung von Vergangenheit und Gegenwart. Darum, woran wir uns erinnern wollen. Und darum, was wir zu vergessen trachten.

Herbert Lange und seine Verbrechen gegen die Menschheit nicht zu thematisieren, dürfte sich allein schon wegen der historischen Relevanz dieses Nazi-Verbrechers verbieten. Gerade an einem öffentlichen Ort wie dem Museumshaus, das als Denkmal ausdrücklich dem Erinnern und Bewahren von Geschichte gewidmet ist.

Herbert Lange gehört zur Geschichte des Hauses Mönchstraße 38. Der Auftrag ist es, für unsere Zeit daraus zu lernen. Nicht zuletzt angesichts der heutigen politischen Herausforderungen. Wir sehen dies als Verpflichtung und werden versuchen, unseren Beitrag dazu zu leisten: An diesen Ort gehört eine Buchhandlung. Dieser Überzeugung sind wir nun mehr denn je.

„Ich bin einmal so tief in Blut gestiegen, Dass, wollt‘ ich nun im Waten stille stehn, Rückkehr so schwierig wär‘, als durch zu gehn.“

William Shakespeare (1564 – 1616), Macbeth, um 1608, Erstdruck 1623, hier übersetzt von Friedrich Schiller, 1800. 3. Aufzug, 4. Szene, Macbeth.

Was ist Herbert Lange widerfahren? Wie wurde er zu einem Menschen bar jeder Moral? Andrew Wallis führte in seinem Vortrag diesen Verweis auf Shakespeares „Macbeth“ an.

Lehren aus der Geschichte?!

Am 16. Februar 2025 befasste sich das NDR-Fernsehen im Nordmagazin mit dem Museumshaus Mönchstr. 38 und den neuen Erkenntnissen zu dessen Bewohner Herbert Lange. Die Sendung in der Rubrik „Zeitreise“ trägt den Titel „Ein Massenmörder und NS-Verbrecher aus Stralsund“. Dazu die Unterzeile „Herbert Lange entwickelte das SS-Sonderkommando Lange – Gaswagen, die extra zum Töten von Menschen gebaut waren“. Hier der link zur Sendung:

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/Zeitreise-Ein-Massenmoerder-und-NS-Verbrecher-aus-Stralsund,nordmagazin126552.html

Herbert Lange wuchs in dem Haus auf, in dem sich heute die STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung befindet. Unerwartet konfrontiert mit der Geschichte einer der Schlüsselfiguren des Holocaust haben wir uns eingehend damit befasst, wie wir mit dieser Tatsache umgehen sollen. Zunächst sind wir zu der Auffassung gelangt, dass eine Buchhandlung als Ort der Kultur und der Aufklärung an diesem Ort die richtige Nutzung ist. Weiterhin haben wir Kontakt zu Organisationen gesucht, die sich dem Umgang mit NS-Geschichte verschrieben haben, wie dem Gedenkort T4/Berlin, dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, dem Haus der Wannsee-Konferenz in Potsdam, dem Erinnerungsort Topf und Söhne in Erfurt und dem Museum des Vernichtungslagers in Chelmno/Kulmhof. Einhelliges Resultat unseres umfangreichen Gedankenaustausches war es, möglichst einen aktiven und transparenten Umgang mit der Tätergeschichte Herbert Langes anzustreben. Wobei die Opfer nicht aus den Augen verloren werden dürfen.

Das Museumshaus Mönchstr. 38 bietet als DENKmal und öffentlicher Ort hierzu die einmalige Chance. Andrew Wallis, der britische Publizist, der die Biographie Herbert Langes untersucht hat, wird in der Ostsee-Zeitung vom 06. September 2024 mit den Worten zitiert: „Wir entscheiden, woran wir uns erinnern und was wir vergessen wollen.“ Die Erkenntnisse um Herbert Lange, die nun offenbar wurden, bieten die Chance, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Hier der Täter, Jahrgang 1909. Und im Nachbarhaus ein Junge jüdischen Glaubens, der deportiert und umgebracht wurde. Gleichfalls Jahrgang 1909 … Wir würden es sehr begrüßen, wenn es gelänge, das Museumshaus Mönchstr. 38 als Quelle auch für dieses Kapitel seiner langen und vielfältigen Geschichte zum Sprechen zu bringen.

Im Januar-Schaufenster stellte sich die STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung der Frage „Lehren aus der Geschichte?!“. Das sorgte für viele gute Gespräche im Laden. Foto: P. Hoffmann

Fort VII in Poznań

Der Eingang in die KZ-Gedenkstätte Fort VII in Poznań. Ein ebenso eindrucks- wie würdevoller Ort.

Seit bekannt wurde, dass der Massenmörder Herbert Lange in der Mönchstr. 38, wo sich heute unsere Buchhandlung befindet, aufgewachsen ist, lässt uns das Thema nicht mehr los. Deshalb unternahmen wir im August eine Exkursion nach Polen und fanden in Poznań eine ebenso eindrucks- wie würdevolle Gedenkstätte.

Das Fort VII („Fort Colomb“) ist ein Teil der in den 1870er-Jahren errichteten Festung Posen, in dessen Anlagen nach der deutschen Besetzung bereits Anfang Oktober 1939 das erste Konzentrationslager auf polnischem Boden errichtet wurde. Die Festungsanlage am Posener Stadtrand war durch einen tiefen Graben und hohen Festungswall abgesichert, der überdies durch einen Eisenzaun und Drahtverhaue verstärkt wurde. Die Kasematten waren von einem großen Innenhof aus zugänglich.

Als erster Leiter war für wenige Tage der SS-Untersturmführer Herbert Lange verantwortlich. Das Fort VII war das größte Vernichtungslager für polnische Intellektuelle im Warthegau. Grundlage hierfür waren bereits vor Kriegsausbruch erstellte Proskriptionslisten. In den letzten Oktobertagen bis Ende November 1939 ermordeten die deutschen Besatzer unter dem vermuteten Kommando von Herbert Lange in einem Bunker der Anlage etwa 300 Patienten aus polnischen Kliniken durch den Einsatz von Kohlenmonoxid. Im deutschsprachigen Begleitheft der Gedenkstätte heißt es dazu: „Es sei darauf hingewiesen, dass in Fort VII zur Massenvernichtung von Zivilisten erstmals Gas eingesetzt wurde.“

Das Fort VII ist nach vielen Jahren des Leerstands und der Verwahrlosung heute eine wirklich hervorragende Gedenkstätte. Die Anlage und Räumlichkeiten werden durch mehrsprachige Informationen den Besuchern erläutert. Und uns als Besuchern wurde schnell klar: Der Name Herbert Lange ist hier wohl bekannt – genau wie die lange Liste der NS-Täter, die hier ihre Opfer quälten und ermordeten.

Herbert Lange wird in der Ausstellung mehrmals als das erwähnt, was er war: ein NS-Verbrecher. Auch in diesem Raum, der der Vergasung von polnischen Patienten gewidmet ist, wird seine Verantwortung deutlich dokumentiert. Fotos: Peter Hoffmann

Die Elenden von Lódz

„Die Elenden von Lódz“ titelt ein Roman des schwedischen Autors Steve Sem-Sandberg über das jüdische Ghetto in Lódz (Litzmannstadt), der im Jahr 2011 bei Klett-Cotta auf Deutsch erschien. In diesem einzigartigen vielstimmigen Roman, der das Leben zahlreicher Ghettobewohner porträtiert und ihnen so einen Namen und ein Schicksal gibt, stellt Sem-Sandberg die Frage nach den Mechanismen der Unterdrückung, dem Moment, in dem die Anpassung unerträglich wird.

Das Ghetto Litzmannstadt und das Schicksal seiner Bewohner ist eng verbunden mit dem ersten Vernichtungslager in Chelmno (Kulmhof), dessen erster Kommandant Herbert Lange war. Herbert Lange gilt als eine der Schlüsselfiguren des Holocaust. Chelmno als Standort der ersten Vergasungsanlagen wurde im Gedächtnis der Menschheit zum Synonym für Unmenschlichkeit und Zivilisationsbruch. Herbert Lange wuchs in der Mönchstr. 38 in Stralsund auf, dem heutigen Museumshaus, in dem wir seit 2014 die STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung betreiben. Genau dort, wo vormals Langes Mutter ihr Ladengeschäft betrieb. Seit Bekanntwerden dieser direkten persönlichen Verbindung im vergangenen Jahr haben wir uns eingehend damit befasst, wie wir mit dieser Tatsache umgehen sollen. Nach umfassenden Recherchen und dem Austausch mit Fachleuten namhaften Erinnerungsstätten sind wir zu der Erkenntnis gelangt, für einen möglichst aktiven und transparenten Umgang mit der Tätergeschichte Herbert Langes einzutreten.

Um so willkommener war da die Einladung des Kunst- und Kulturvereins „Alte Kalkbrennerei“ für eine Veranstaltung am Tag des offenen Denkmals am 14. September 2025, der wir gerne gefolgt sind. Der Kalkbrennerei-Verein hat EIGENTUM als Jahresthema erwählt und nähert sich aus verschiedenen Richtungen und mit unterschiedlichen Formaten diesem Gegenstand.

Das Thema EIGENTUM ist in den Wechselfällen der Geschichte der einstigen multikulturellen Industriestadt Lódz immer wieder zentrales Thema. Die Nationalsozialisten organisierten einen beispiellosen Raubzug mit dem Ziel der skrupellosen Aneignung jüdischen Eigentums, in dem auch schließlich das Vernichtungslager Chelmno seine Funktion hatte. Peter Hoffmann stellt den Roman von Steve Sem-Sandberg vor und berichtet über seine bisherigen Recherchen zum Themenkreis.

Lesungsort: Villa Kalkbrennerei, Franzenshöhe 2, 18439 Stralsund

Lesungsbeginn: 12 Uhr (Lesungsdauer: ca. 1 Stunde)

Anlässlich des Tages des offenen Denkmals finden (mit Ausnahme des Lesungstermins) von 10 bis 18 Uhr stündlich Führungen rund um die Villa Kalkbrennerei statt: eine Gelegenheit, diesen besonderen Ort näher kennenzulernen.

Weiter auf den Spuren von Herbert Lange – Herbstfahrt nach Chelmno und Lodz

Das Thema Herbert Lange lässt uns weiterhin keine Ruhe. Von manchen Dingen muss man sich vor Ort selber ein Bild machen, um eine Vorstellung vom tatsächlichen Geschehen zu bekommen.

Von Posen aus erreicht man nach 150 Kilometern in anderthalb Stunden Fahrt über die Autobahn 2 die kleine Ortschaft Chelmno nad Nerem (Kulmhof am Ner). In der Ortsmitte befindet sich direkt an der Durchgangsstraße ein Parkplatz. Von hier fällt der Blick bereits linker Hand auf die Pfarrkirche des Dorfes auf dem Hochufer des Ner: Diesen Blick kennt man etwa aus Claude Lanzmanns Film-Dokumentation „Shoah“. Rechter Hand geht es auf das Gelände des ehemaligen Herrenhauses, das am 07. April 1943 von den deutschen Besatzern zerstört wurde.

Durch den Keller des ehemaligen Herrenhauses wurden von Dezember 1941 bis März 1943 die ahnungslosen Opfer in die am Ende des Ganges bereitstehenden Gaswagen getrieben. Heute blicken die Besucher von einem begehbaren, niedrigen Gerüst aus direkt auf diesen „Korridor des Todes“, an dessen Ende unweigerlich der Erstickungstod im Gaswagen wartete. Man befindet sich unmittelbar an der Stelle, an der in der Geschichte der Menschheit erstmals ein industrialisierter Massenmord initiert wurde.

Einige Schritte weiter hat sich der Speicher des Gutes erhalten. Gegenüber befindet sich ein Museumsgebäude mit einer Ausstellung und einer Bibliothek zum Lager Chelmno.

Ab September 1941 führten Mitglieder des „SS-Sonderkommando Lange“, benannt nach dem SS-Hauptsturmführer Herbert Lange von der Gestapoleitstelle Posen, auch im Warthegau Massenerschießungen an Juden durch. Ab Dezember 1941 leitete Herbert Lange als erster Kommandant dieses erste Vernichtungslager und war hier für die Ermordung Zehntausender Juden, Roma und Sinti verantwortlich. Er wurde im März 1942 durch den zweiten Kommandanten des Lagers Chelmno, Hans Bothmann (1911 – 1946), abgelöst, den er anschließend noch fünf Wochen einarbeitete. In der Dauerausstellung wird Herbert Lange auch hier seiner Verantwortung als maßgeblicher Täter entsprechend dargestellt.

Räumlich wesentlich ausgedehnter ist die Gedenkstätte knapp 5 Kilometer in Richtung des Städtchens Koło, an dem Ort, wo die toten Opfer verscharrt und später verbrannt wurden. Man erreicht das sogenannte „Waldlager“ auf dem Weg, den seinerzeit auch die Gaswagen genommen haben. Für die Zeit der Tätigkeit Herbert Langes in Chelmno geht man von annähernd 70.000 Toten aus.

Der Bahnhof in Koło, über den ein Gutteil der Opfer ins Vernichtungslager gelangte, ist baulich unverändert. Ein Besuch dort vermittelt einen weiteren Eindruck der Abläufe und Entfernungen.

Gut 80 Kilometer weiter südöstlich gelangt man über die A2 nach Lodz, die heute mit 652.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Polens. Lodz war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein kleines, unbedeutendes Dorf mit weniger als 500 Ortsansässigen. Nur ein Jahrhundert später war es eine pulsierende Metropole mit über 600.000 Einwohnern. Außer in Warschau lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in keiner anderen europäischen Stadt so viele Juden wie in Lodz, dem „Manchester des Ostens“. Die 223.000 Juden stellten ein Drittel der Bevölkerung der Textilstadt. In den Jahren 1939 bis 1944 gab es hier das „Ghetto Litzmannstadt“. Es war das am längsten existierende nationalsozialistische Ghetto und nach der Zahl der Gefangenen nach dem Warschauer Ghetto das zweitgrößte in Polen. Während sich vom Ghetto Warschau nach den Kriegsereignissen lediglich einige Fragmente (etwa an der Ulica Prozna gegenüber den Sächsischen Gärten) erhalten haben und das Gebiet heute modern überbaut ist, haben sich in Lodz etliche Gebäude sowie die grundlegenden Strukturen erhalten, so dass man einen umfassenden Eindruck von den stadträumlichen Gegebenheiten bekommt. Wobei es beklemmend ist, sich 1:1 an den Orten zu wissen, die man von den zahlreich überlieferten photographischen Aufnahmen aus der Ghetto-Zeit kennt.

Auf das Gebäude Kirchplatz 4, in dem sich Büros der Ghettoverwaltung befanden, ging der Blick von einer der Ghetto-Brücken aus. Hier wurde u.a. die Ghetto-Chronik zusammengestellt.

Überdauert hat als Bestandteil des Ghettos der 1892 angelegte Neue Jüdische Friedhof. Heute ist er von der Zahl der Grabstätten her der größte erhaltene jüdische Friedhof Europas. Neben prachtvollen Mausoleen von Industriellenfamilien wie den Poznanskis oder Silbersteins und vielen künstlerisch aufwendig gestalteten Gräbern im älteren Teil der Nekropole gibt es ein anonymes Gräberfeld, auf dem mehr als 40.000 Opfer des Ghettos Litzmannstadt bestattet sind. Auf dem alten Teil des Friedhofes befindet sich das Grab des Dawid Sierakowiak (1924-1943), der mit seinen Aufzeichnungen aus den Jahren 1941/42 ein bewegendes Zeitdokument hinterlassen hat. Bewahrt hat sich auch die jüdische Trauerhalle, in der eine Ausstellung mit Photographien aus dem Ghetto zu sehen ist.

Vom Bahnhof Radegast gingen ab Januar 1942 die Züge in die Vernichtungslager, nach Chelmno und später nach Auschwitz. Vor dem originalen hölzernen Bahnhofsgebäude, in dem sich heute ein kleines Museum befindet, steht ein Zug aus der Zeit. Eine eindrucksvolle moderne Gedenkstätte ergänzt den Ort.

Fotos: Peter Hoffmann

Wege gegen das Vergessen 1933-1945: Herbert Lange in Aachen

Einige letzte freie Tage in diesem Jahr nutzten die STRANDLÄUFER, um sich am Rhein umzuschauen. Was uns bei unserem Besuch Ende Oktober in Aachen am meisten beeindruckt hat, ist das Projekt „Wege gegen das Vergessen 1933-1945“: Dieses Projekt zur Erinnerung an die Gräuel der Nationalsozialisten in Aachen wurde 1994 von einzelnen Bürgern, Parteien und anderen Gruppen initiiert und im Oktober 1996 mit den Stimmen von CDU, SPD und Grünen im Stadtrat beschlossen. Die Konzeption wurde der Volkshochschule Aachen übertragen und die Umsetzung seit 2004 von der Stadt Aachen finanziell gefördert. Seit 2008 ist das Projekt als Kompetenzzentrum für politische Erinnerungsarbeit in der Region sowohl in Fragen des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt als auch mit dem aktuellen Rechtsextremismus überregional anerkannt.

Grundidee der Initiative ist es, dass es aufgrund der immer weniger werdenden Zeitzeugen der NS-Zeit eines Bildungsangebotes für Schulklassen im Besonderen und für die Bevölkerung im Allgemeinen sowie für interessierte Touristen bedarf. Es soll an Menschen erinnern, die durch die Nazidiktatur verfolgt oder aus politischen, rassistischen, weltanschaulichen, religiösen und anderen Gründen ermordet wurden. Durch die Recherchen der Volkshochschule Aachen konnten mittlerweile mehr als 40 authentische Gedenkorte gefunden werden, die für die Anbringung einer entsprechenden Gedenktafel in Frage kommen. Weitere Recherchen werden fortlaufend unternommen und neue Plätze für Gedenktafeln erkundet.

Der Künstler Klaus Endrikat von der FH Aachen hat die zumeist hochformatigen,rechteckigen Bronzetafeln gestaltet. Seitens der VHS oder des Touristikbüros der Stadt Aachen werden dazu Stadtführungen, Workshops und vieles mehr angeboten, darunter ausführliche Informationen über die erinnerungswürdigen Orte auf der Website der VHS.

Ab 1934 war Herbert Lange bei der Gestapo Stettin tätig und wechselte im Jahr darauf zur Gestapo Aachen. Von der Staatspolizeistelle Aachen, die sich im Regierungsgebäude am Theaterplatz befand, wurde er 1939 zur Einsatzgruppe VI in Polen abkommandiert. Heute beherbergt das Gebäude Einrichtungen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und ist entsprechend zugänglich. Foto: Peter Hoffmann

 

Herbert Lange in Ravensbrück

Die brandenburgische Kleinstadt Fürstenberg an der Havel liegt gute 150 Straßenkilometer südlich von Stralsund und ist von hier in anderthalb Stunden Fahrt zu erreichen. Vom Zentrum Berlins aus sind es über die B96 etwa 90 Kilometer.

Mit der Berliner Nordbahn benötigt man von Stralsund etwa zwei Stunden, von Berlin aus die Hälfte. Ab dem Bahnhof Fürstenberg führt ein etwa 25-minütiger Fußweg zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

In Ravensbrück errichtete die SS ab 1939 das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet. Über 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche aus über 30 Nationen wurden bis 1945 als Häftlinge registriert. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das Lager, in dem rund 2.000 kranke Häftlinge zurückgelassen worden waren. Man geht davon aus, dass im Konzentrationslager Ravensbrück 28.000 Häftlinge ermordet wurden.

Herbert Lange kam Mitte 1942 nach seinem Einsatz in Posen zum Amt IV (Geheime Staatspolizei) des Reichssicherheitshauptamtes nach Berlin. 1943 wurde er dort stellvertretender Referatsleiter des Referates IV E 3 (Abwehr West – Schweiz, Frankreich, Belgien). Mit Hilfe eines eingeschleusten Spitzels gelang der Sonderkommission Lange die Enttarnung des sog. „Solf-Kreises“, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die von Regimekritikern der teils liberalen, teils konservativen deutschen Eliten getragen wurde. Anfang 1944 genehmigte Himmler eine von Lange vorgeschlagene groß angelegte Verhaftungsaktion. Die meisten Mitglieder der Gruppe wurden verhaftet und hingerichtet. Nur wenige Angehörige des Solf-Kreises haben überlebt. Im Laufe des Jahres verlegte die Sonderkommission Lange aufgrund der Kriegseinwirkungen ihren Sitz in die Sicherheitspolizeischule Drögen bei Fürstenberg an der Havel. Ihre Gefangenen wurden im „Zellenbau“ des nahe gelegenen KZ Ravensbrück, aber auch in der Sicherheitspolizeischule selbst untergebracht und verhört. Bereits vor den Verhaftungen im Zuge des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 wurden die Häftlinge in Drögen bzw. Ravensbrück „verschärft vernommen“, also geschlagen und gefoltert. Detaillierte Auskunft zu diesen Vorgängen bietet das Buch „Fürstenberg-Drögen – Schichten eines verlassenen Ortes“ von Florian von Buttlar, Stefanie Endlich und Annette Leo, erschienen in der Edition Heinrich, Berlin, 1994.

Der in diesem Kontext von Himmler in einer Rede persönlich belobigte und inzwischen zum SS-Sturmbannführer beförderte Lange hatte seine Frau und seine Töchter an diesen Ort des Verbrechens vor den Luftangriffen auf Berlin in Sicherheit gebracht. Christabel Bielenberg, die im Winter 1944/45 auf dem Weg zu ihrem in Ravensbrück inhaftierten Mann war, begegnete Langes Familie im Eisenbahnabteil auf dem Weg dorthin. Die Augen der beiden Töchter erinnerten sie an den Vater, dem sie kurze Zeit später in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße begegnete:

„Nun konnte ich ihn erkennen. Es war nicht mehr nur eine körperlose Fistelstimme, sondern ein kleiner, untersetzter, noch jüngerer Mann mit einem birnenförmigen Kopf. Er hatte dunkles, schütteres Haar über einer hohen schmalen Stirn, rundliche Backen und einen kleinen Mund mit wulstigen Lippen. Er war gewiss keine Schönheit, aber es war der Ausdruck seiner Augen, der ihn so grauenerregend machte. Sie lagen nahe beieinander, waren sehr klein, sehr blau, sehr kalt und starrten mich intensiv und wachsam an.“

Zitiert aus: Christabel Bielenberg, Als ich eine Deutsche war, 1934 -1945, Eine Engländerin erzählt, C.H. Beck, München, 1969.

Wohl keiner der Täter aus Fürstenberg-Drögen ist nach 1945 wegen seiner Taten dort bestraft worden. Die meisten ihrer Opfer, die dort verhört und gefoltert worden waren, starben unter dem Fallbeil oder durch den Strang der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee oder wurden noch in den letzten Kriegstagen ermordet. „Die Täter, die nicht bestraft wurden – auch dies ist ein Teil der Geschichte des vergessenen Ortes in Drögen“, heißt es in dem o.g. Buch über die Sicherheitspolizeischule Fürstenberg-Drögen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente das etwa 50 ha große Gelände bis 1990 als Kaserne der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Von den Gebäuden steht heute nichts mehr. Lediglich ein verblasstes sowjetisches Ehrenmal kündet nahe der B96 noch von diesem Ort und seiner Geschichte.

Foto: Peter Hoffmann

Foto: Peter Hoffmann

Gedenkfahrt

Am 29. April hatten wir Frau Dorata Makrutzki, Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg am Pommerschen Landesmuseum in Greifswald, mit einer polnisch-deutschen Gruppe auf ihrer Gedenkfahrt nach Stralsund zu Gast im Lädchen. Zu den Besuchern, die sich bei uns über das Leben und Aufwachsen des NS-Kriegsverbrechers Herbert Lange im heutigen Museumshaus Mönchstr. 38 sowie den Umgang mit dieser exponierten Tätergeschichte in der Hansestadt Stralsund informierten, zählten u.a. die polnische Historikerin Katarzyna Sztuba-Frackowiak, die die Geschichte der Anstalt Meseritz-Obrawalde erforscht, und Dr. Kathleen Haack, Autorin des Buches „Vom Anstaltsboom zum NS-Krankenmord“.

Foto: Katrin Hoffmann