Mutmaßliches Ende in Bernau

Auf dem Neuen Friedhof in Bernau weist seit Kurzem nichts mehr namentlich auf Herbert Lange hin.
(Foto: Peter Hoffmann)
Sein mutmaßliches Ende fand Herbert Lange am 20./21. April 1945 in Bernau bei Berlin.
Am 19. April 1945 kündigten sich die bevorstehenden Kampfhandlungen in der nordöstlich von Berlin gelegenen brandenburgischen Kleinstadt Bernau durch Geschützdonner und Überfliegen des Terrains im Wehrbezirk 3 an. Eine Einheit des Sicherheitspolizei-Bataillons, dem Herbert Lange angehörte, hatte auf Schloss Börnicke in der Hasenheide östlich von Bernau einen Stützpunkt. Der Volkssturm bezog Stellungen zur Abwehr der herannahenden sowjetischen Truppen, die er jedoch bald wieder verließ. Ungeordnete deutsche Truppen auf dem Rückzug zogen durch. Menschen, die sich dem Krieg entziehen wollten, um zu überleben, wurden getötet. Die Kämpfe begannen am 20. April 1945 und endeten am Abend des Folgetages. Eine kämpfende Einheit des „3. SS-Sipo-Bataillons“ in der Ortslage wurde nach dem Ende der Kampfhandlungen erwähnt. Die sowjetischen Truppen marschierten anschließend weiter Richtung Berlin und Richtung Westen.
Am 21. April übernahmen Einheiten der 47. Armee der 1. Belorussischen Front Bernau. Am 22. April 1945 wurde Leutnant Konrad Wolf (1925 – 1982) – später einer der wichtigsten Regisseure in der DDR, langjähriger Präsident der Akademie der Künste und seit 1981 Mitglied des Zentralkomitees der SED – für einen Tag der erste sowjetische Stadtkommandant von Bernau. Seine dortigen Erlebnisse verarbeitete er in dem Antikriegsfilm „Ich war neunzehn“ aus dem Jahr 1968. Der Schwarzweißfilm besticht noch heute mit seinen ikonischen Bildern und der eindringlichen mosaikartigen Darstellung der letzten Kriegstage.
Auf dem Gelände des Schönfelder Weges zwischen Schloss Börnicke und Bernau wurden am 08. Mai 1945 sechs Leichen geborgen. Diese wurden dann am selben Tag ohne Sarg in einem länglichen Reihengrab auf dem Neuen Friedhof von Bernau in der Jahnstraße im Sammelgrab Abteilung J bestattet. Eine dieser Leichen trug das Soldbuch Herbert Langes bei sich. Aufgrund dessen wurde vom Standesamt Bernau 1947 eine Sterbeurkunde für Herbert Lange ausgestellt. Sie wurde auf den 20. April 1945 datiert.
Klaus-Dieter Jäschke vom „Arbeitskreis Gedenken des Territorialen Bündnisses Bernau bei Berlin“ verfasste 2024 eine Ausarbeitung mit dem Titel „Schatten – Die Botschaft der Grabstätte Abteilung J für das Erinnern und Gedenken in Bernau bei Berlin“, in der er seine umfassenden Recherchen zum mutmaßlichen Ende Herbert Langes schildert und belegt. Wir bedanken uns bei ihm herzlich, dass er uns seine Zusammenstellung zur Verfügung gestellt hat. Die Schrift ist u.a. im Stadtarchiv Bernau sowie in der Bibliothek des Brandenburgischen Landeshauptarchivs (blha) in Potsdam vertreten. Wir danken auch der Friedhofsverwaltung in Bernau, die den Kontakt zu Herrn Jäschke ermöglichte.
„Ob der Tote identisch war mit dem im Soldbuch Genannten, interessierte den Bergungstrupp nicht. Ob einem Toten ein Soldbuch zugesteckt worden war, um selbst unerkannt untertauchen zu können, war möglich und auch Praxis. Vor allem, wenn Verfügbarkeit über andere, unverfängliche Dokumente bestanden hatte, um bei einer Absetzbewegung der Erschießung durch die eigene Feld-Gendarmerie zu entgehen.“ So Klaus-Dieter Jäschke in seiner oben genannten Ausarbeitung auf Seite 10.
Weiterhin schrieb uns Herr Jäschke mit Post vom 27. August 2026 zu Herbert Langes mutmaßlichem Ende in Bernau: „Zu berücksichtigen ist, dass das Kriegsende in Bernau um den 21. April 1945 eintrat. Der Todeseintritt der später aufgefundenen toten deutschen Militärangehörigen wurde auf diese Tage datiert, ohne dass das Bergekommando und der Friedhofsgärtner wussten, wann die im Massengrab bestatteten Leichname zu Tode kamen. Geschweige, wer wen tötete. Die Zuordnung der Identitäten beruhte auf dem damals üblichen Prozedere. Identifizierungen und Leichenschauen fanden nicht statt. Die folgenden Fahndungsmaßnahmen nach Kriegsverbrechern waren Aufgabe des NKWD (NKWD steht für das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, russisch Narodny Kommissariat Wnutrennich Del, der Sowjetunion; Anmerkung des Verfassers), später des K5 des Ministeriums des Innern. Erst mit der Befragung von Personen zum Massenmord begann die Personifizierung der Täter und die Erhellung der Rolle des RSHA (des Reichsicherheitshauptamtes, Anmerkung des Verfassers), also Himmlers Gefolgschaft. Viele seiner Mittäter auf seiner Befehlsebene waren geflohen oder wurden gedeckt. Die Denker des Massenmordes waren andere, er ein Ausführender, an den Platz jeweils beordert, den er skrupellos ausfüllte.“
Wir sind nach allem zu der Auffassung gelangt, dass Herbert Lange mitnichten ein bloßer „Ausführender“ war. Dazu brachte er zu viel Eigeninitiative auf. Durch seine praktische Umsetzung der Morde und seine Beteiligung an der Entwicklung und Umsetzung der Massenmordtechnik der Gaswagen wurde er zu einer Schlüsselfigur des Holocaust.
Es nimmt kein Wunder, dass die Vermutung aufkam, Herbert Lange habe wie so manche andere das Chaos der letzten Kriegstage genutzt, um unterzutauchen, um der Strafe für seine Verbrechen, die ihm gewiss war, zu entgehen.
In seiner Abhandlung von 2024 schreibt Klaus-Dieter Jäschke hierzu weiterhin: „Die nach 1947 bis in die 2000er-Jahre nachweislich vollzogenen Fahndungsmaßnahmen zu Herbert Lange legen nahe, dass diese These auch in die Überlegungen der Untersuchungsorgane in Ost und West einfloss.“ Irgendwelche Indizien für ein Überleben Herbert Langes sind nicht bekannt. Ein Ende in Bernau ist zumindest schlüssig.
Nachdem während der DDR-Zeit kein staatliches Interesse an einer besonderen Gestaltung von dergleichen Grabstätten bestand, wurde im Zuge der Umsetzung des bundesdeutschen Gräbergesetzes (Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft) nach 1993 eine Neugestaltung auch der Anlage auf dem Neuen Friedhof in Bernau umgesetzt, um diese für die Hinterbliebenen und die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Herbert Lange erhielt in diesem Zuge 1996 eine Gedenkplatte, die mit Namen und Sterbedatum an ihn erinnerte.
Im Juli 2026 haben wir auf dem Neuen Friedhof von Bernau nach der Keramikplatte für Herbert Lange, die Andrew Wallis noch in seiner Abhandlung von 2024 mit Foto dokumentiert hatte, Ausschau gehalten. Vergeblich. Wie wir inzwischen erfahren haben, wurde Herbert Langes Platte kürzlich zusammen mit der eines weiteren dort bestatteten Angehörigen der SS beräumt und durch eine Platte mit der Aufschrift „Unbekannt“ ersetzt.
Herbert Langes Tätergeschichte muss man erzählen, aber ihn namentlich unter den „Opfern beider Weltkriege“ zu erwähnen, wäre in der Tat zynisch.
Herbert Lange in Greifswald
In den frühen 1930er Jahren war die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Greifswald im historischen Hauptkomplex der Universität am Rubenowplatz und in der Domstraße in der Greifswalder Innenstadt untergebracht, wo die geistes- und rechtswissenschaftlichen Fächer zu dieser Zeit ihren Sitz hatten.

Das barocke Hauptgebäude der Universität Greifswald mit dem Rubenow-Denkmal zu Ehren des Universitätsgründers aus dem Jahr 1856.
Am 16. Mai 1933 wurde die Hochschule offiziell in „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ umbenannt (unterzeichnet u. a. durch Hermann Göring als Ministerpräsidenten des Freistaats Preußen).
Herbert Lange ging 1930 nach Greifswald, um Jura zu studieren und trat bald der Greifswalder Burschenschaft „Rugia“ bei, einer schlagenden studentischen Vereinigung, die 1856 gegründet worden war und seinerzeit ein Verbindungshaus in der Salinenstraße 47 besaß. Das Gebäude aus rotem Backstein am Ryck hat sich erhalten: „Vielleicht war es einer der Fechtkämpfe der Burschenschaft, beim dem Lange die viel gerühmte Duellnarbe im Gesicht erhielt“, schreibt Andrew Wallis auf Seite 89 der oben genannten Quelle.
Heute hat die „Rugia“ ihr Verbindungshaus in der Robert-Blum-Straße 4, direkt neben dem Greifswalder Theater. Wer sich selber ein Bild von der Greifswalder Burschenschaft Rugia machen möchte, dem sei der Wikipedia-Eintrag zur Verbindung sowie deren Homepage empfohlen.

Rugia-Haus

Banner-Rugia
„Langes Zeit an der Universität war kurz. Obwohl er später behauptete, er habe bis März 1934 studiert und trotzdem keine Abschlussprüfungen abgelegt, zeigt das Register, dass Lange die Universität im Sommer 1932 verließ“, merkt Andrew Wallis ebendort an. Mit dieser Behauptung und einer befürwortenden Stellungnahme seiner damaligen vorgesetzten Dienststelle versuchte Lange im Herbst 1941 seine Zulassung zur 1. Juristischen Staatsprüfung zu erreichen. Das Reichsministerium der Justiz beschied Lange mit Schreiben vom 03. Dezember 1941, dass „auch bei größtem Wohlwollen noch ein Nachstudium von mindestens 2 Semestern unter voller Befreiung von seinem Dienst als Kriminalkommissar“ zu verlangen sei. Begründet wurde dies mit dem „weit über 7 Jahre“ zurückliegenden Studium und der Feststellung, dass „schon damals die in den Übungen gezeigten Leistungen nur knapp dem Durchschnitt entsprachen“. Quelle: Akte BArch R 30121/151
Ab Dezember 1941 tötete das „Sonderkommando Lange“ im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) in Polen zehntausende Juden, Sinti und Roma.
Eine juristische Staatsprüfung hat Herbert Lange nicht abgelegt.
Alle Fotos: Peter Hoffmann
Eine Kindheit und Jugend in Stralsund
„Nach drei Jahren in verschiedenen Unterkünften in der Stadt und als 1914 in Europa der Krieg ausbrach, zog Max Lange mit seiner Familie zusammen mit drei anderen Familien in die Mönchstraße 38, die, wie es das Schicksal wollte, heute Teil des Stadtmuseums ist“, schreibt Andrew Wallis auf Seite 88 seiner Abhandlung „Herbert Lange – Stralsunds ‚vergessener‘ Mann mit einem ‚unvergesslichen‘ Leben“ (Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag vom September 2024, herausgegeben vom Stadtarchiv Stralsund, der Kreisvolkshochschule Vorpommern-Rügen und dem Stralsunder Geschichtsverein e.V. Das Heft ist – solange der Vorrat reicht – in der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung im Museumshaus Mönchstr. 38 erhältlich.).
Andrew Wallis beschreibt die prekären Verhältnisse, die das Leben der Familie Lange prägten, insbesondere das ökonomische Scheitern des Vaters, dem es als Schmied nicht gelang, in der Stadt wirtschaftlich nachhaltig Fuß zu fassen und der bereits 1920 verstarb. Andrew Wallis hierzu ebenda: „Ein Jahr später wurde Max aus seinem Beruf entlassen. Wenige Tage später, am Montag, dem 12. Juli, betrat Erich, Herberts älterer Bruder, abends das elterliche Schlafzimmer, während seine Mutter im Laden arbeitete, und fand seinen Vater tot auf“. Fortan war es an Herbert Langes Mutter Anna, mit Haus und Laden für die Familie aufzukommen.
Mit sechs Jahren besuchte Herbert Lange die Höhere Knabenschule am Frankenwall.

Höhere Knabenschule am Stralsunder Frankenwall, heute Grundschule „Gerhart Hauptmann“. Die Schulerziehung erfolgte seinerzeit unter strenger Geschlechtertrennung.
Seinen Schulweg teilte sich Herbert Lange etwa mit dem gleichaltrigen Max Cohn, dessen Familie in das benachbarte Haus Mönchstr. 37 eingezogen war und dort das Herrenbekleidungsgeschäft Moses übernommen hatte. Ihr täglicher Gang führte die Jungen vorbei an der Stralsunder Synagoge, die in der Langenstraße 69 stand. Sie wurde 1787 als erste Synagoge in Vorpommern eröffnet, 1913 umgebaut und in der Pogromnacht am 10. November 1938 von Nationalsozialisten zerstört. Heute erinnern eine Gedenktafel und Stolpersteine für die Familie Joseph an diesen Ort und seine Geschichte.

Es ist ja keineswegs so, dass die Nationalsozialisten quasi wie „kleine braune Männchen“ aus dem Nichts auftauchten, plötzlich als üble Schurken die Macht an sich rissen (und dann mit Kriegsende ebenso plötzlich allesamt wieder verschwunden waren). Auch dies zeigt die Tätergeschichte Herbert Langes: Er kam aus einem Elternhaus mitten in Stralsund. Großväter so mancher Stralsunder sind mit Herbert Lange zur Schule oder in den Konfirmandenunterricht gegangen. Herbert Lange wurde zum Massenmörder, andere wurden zu Mitläufern, sein Klassenkamerad Wolfgang Heinze wurde 1945 als Angehöriger des antifaschistischen Widerstands hingerichtet. Langes Nachbarn, die Familien Cohn (nebenan) und Gerson (gegenüber), kamen im Holocaust um.
Demokratische Republik oder faschistischer Staat, so lautete spätestens seit 1930 die Alternative. Der Ausgang der Entscheidung und der weitere Verlauf sind bekannt.
Gewiss gab es die „nationalsozialistische Volksgemeinschaft“, die die Untaten der Nazis ebenso durch Mitwirken wie durch Wegsehen überhaupt erst ermöglicht hat.
Nur sollte man es sich nicht mit dem Hochmut der Nachgeborenen zu einfach machen und sich von bequemer Warte kopfschüttelnd auf ein allgemeines, wohlfeil-entlastendes „Wie konnten sie nur?“ zurückziehen.
Die Versprechungen der Nazis fielen auf fruchtbaren Boden. Viele sahen darin ihre Chance für einen sozialen Aufstieg und verdrängten etwaige Bedenken. Sie hätten wissen können, aber so schlimm würde es schon nicht kommen. Die Frage ist, was wir heute wissen könnten, was wir verdrängen, weil es so schlimm schon nicht kommen wird … Wir stecken wie unsere Vorfahren mitten im historischen Geschehen, das eben nicht mit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands zu einem glücklichen Ende gekommen ist. Geschichte wiederholt sich nicht 1:1, aber es kommt darauf an, sich zu erinnern, um rechtzeitig womöglich fatalen Entwicklungen zu begegnen, solange es noch geht. Wir sind heute anderen, mitunter neuen Gefährdungen ausgesetzt., die wir in ihrem vollen Umfang und ihren schließlichen Konsequenzen ebensowenig durchschauen wie das Gros der Menschen damals. Man braucht sich nur vorzustellen, was etwa die Nationalsozialisten mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und der daraus resultierenden Kontrolle jedes einzelnen gemacht hätten. Haben wir uns hier bereits mitschuldig gemacht, weil wir uns nicht rechtzeitig dagegen gewehrt und fortschrittsgläubig mitgemacht haben? Und was sind die Konsequenzen unserer Wahlentscheidungen? Wird man über uns späterhin auch urteilen „Wie konnten sie nur?“
Herbert Lange, Max Cohn und Wolfgang Heinze besuchten nach der Knabenschule am Frankenwall die Oberrealschule in der Bleistraße.

Ehemalige Oberrealschule in der Bleistraße 4. Nach dem 2. Weltkrieg war sie bis 2005 Berufsschule und beherbergt nach umfassender Sanierung heute Arztpraxen und Wohnungen.
Herbert Lange war ein allenfalls durchschnittlich begabter Schüler. Er musste 1925 die Untersekunda wiederholen. Unser Dank gilt Dr. Andreas Neumerkel vom Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund, der folgende Einträge für ihn in den Schülerlisten der Oberrealschule ermitteln konnte:
Schuljahr 1924: Untersekunda
Schuljahr 1925: Untersekunda
Schuljahr 1926: Obersekunda
Schuljahr 1927: Unterprima
Im Schuljahr 1928 taucht er in den Schülerlisten gar nicht auf.
Schuljahr 1929: Oberprima
Dem Oberschulregister 1930 ist für seinen letzten Schultag, den 16. März 1930, zu entnehmen, dass der nunmehr 20-Jährige eine Zukunft als Diplomkaufmann anstrebe.
Literaturtipp:
Rolf Winter, Hitler kam aus der Dankwartsgrube (Und kommt vielleicht mal wieder) – Eine Kindheit in Deutschland, erschienen bei Rasch und Röhring, Hamburg, 1991, 176 Seiten.
Rolf Winter beschreibt anhand seiner Familiengeschichte, wie Menschen aus ihrer Armut heraus Anhänger des Nationalsozialismus wurden, wie das „Proletariat“, der „Plebs“ 1933 in blindem Hass auf das versagende demokratische „System“ zu den Nationalsozialisten überlief.
Der Autor zeigt eine Jugend im Hinterhof, wo nicht sicher war, ob das Essen reichte und wie die Versprechungen des Verführers Hitler dort auf fruchtbaren Boden fielen. Das Haus steht noch heute in der Dankwartsgrube, einer Straße in der Lübecker Altstadt.
Leider ist dieses Buch vergriffen und derzeit nur über Bibliotheken oder antiquarisch erhältlich.
Alle Fotos: Peter Hoffmann
„Wie man mit dem Wissen um die Täter umgehen soll, ist eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Letztlich ergibt sich eine solche aus den Motiven und den Zielen der Auseinandersetzung mit ihnen. Es ist ein Feld, das sich dynamisch entwickelt und in dem es nur wenige Grundsätze gibt, die von den Institutionen, die sich mit Tätern beschäftigen, geteilt werden. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass es keine spezifischen Merkmale gibt, die jemanden zum Massenmörder machen und dass man Täter nicht mystifiziert.
Schlagworte, die mehr vernebeln als erhellen und die immer noch oft genannt werden, sind u.a. ‚Das Böse‘, ‚unerklärlich‘ und ähnliches. Übereinkunft besteht auch darin, dass man nicht vermitteln soll, die Motive von Tätern abschließend klären zu können. Ein weiteres Element ist auch, Täter immer in Beziehung zu Opfern zu setzen. …
Täter kamen meistens aus der Mitte der Gesellschaft. Es gab sicher auch Menschen, denen man mit (schwierigen) Begriffen wie ‚Psychopath‘ oder ‚Mordlust‘ beikommen kann; in den meisten Fällen konnten sich aber die Täter (und Täterinnen!) im Jahr 1938 selbst nicht vorstellen, wozu sie ein Jahr oder zwei später imstande waren. Täterschaft kann man also nicht ohne ihr gesellschaftliches Umfeld – und das war die nationalsozialistische Volksgemeinschaft – verstehen.“
Dies schrieb uns der Historiker Robert Parzer vom Gedenkort T4 (Tiergartenstraße 4) in Berlin in einer Mail vom 29. September 2024. Gewiss bildete die nationalsozialistische Volksgemeinschaft das „Rückgrat“ (Robert Parzer) dafür, dass zum Beispiel psychisch Kranke von einem Täter wie Herbert Lange ermordet werden konnten. Jedoch entlastet das Vorhandensein eines solchen Umfeldes nicht die einzelnen Täter von ihrer individuellen Verantwortung für ihre Taten, für die sie ihre Wahl getroffen haben. Gerade die jüngste Zeit hat wieder gezeigt, welche Bedeutung einzelne Menschen für den Verlauf der Geschichte und das Schicksal unzähliger anderer haben können.
Das heutige Museumshaus Mönchstr. 38, das Elternhaus Herbert Langes, in dem er bis in 1930er Jahre hinein fast zwei Drittel seines Lebens verbracht hat und in dem seine Persönlichkeit maßgeblich geprägt wurde, ist als solches bereits eine beredte und bestens dokumentierte Quelle, sich dem Menschen Herbert Lange anzunähern. Es bedarf nicht übergroßer Anstrengung, sich hier an Ort und Stelle in die Zeit vor einhundert Jahren zurückzuversetzen. Ergänzt mit weiteren Erkenntnissen bietet das Museumhaus Mönchstr. 38 hier eine einmalige Gelegenheit, Geschichte anschaulich und vielleicht ein Stück begreifbar zu machen.
Herbert Lange wurde am 29. September 1909 in Menzlin bei Anklam geboren und am 07. November desselben Jahres evangelisch-lutherisch getauft.
Von seinem Elternhaus in der Mönchstraße 38 sind es keine zweihundert Schritte bis zur Stralsunder Marienkirche, der größten Pfarrkirche der Hansestadt.
Dort wurde Herbert Lange am 05. April 1925 auch konfirmiert. Der Konfirmation vorangegangen waren zwei Jahre Konfirmanden-Unterricht und Pflichtbesuche der sonn- und feiertäglichen Gottesdienste, die ihm die Grundlagen des christlichen Glaubens vermittelten. Sein Konfirmator, Pastor Richard Thurow, gab Herbert Lange am Palmsonntag 1925 folgenden Konfirmationsspruch mit auf den Lebensweg:
„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.“
1. Brief des Timotheus, Kapitel 6, Vers 12
(Wir danken an dieser Stelle Herrn Pastor Stefan Fricke von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Marien in Stralsund, dessen Kirchenbuchrecherche auf unsere Anfrage hin den Konfirmationseintrag von Herbert Lange zutage gefördert hat.)
Die Wahl des Konfirmationsspruches dürfte mit Bedacht erfolgt sein. Nur hat die Mahnung des Paulus an Timotheus, „den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen“, bei Herbert Lange nicht gefruchtet. Er hat sich schließlich gegen diesen „guten Kampf“ entschieden, mithin insbesondere Gottes 5. Gebot: „DU SOLLST NICHT MORDEN!“ von sich gewiesen.
Pastor Thurow von der Kirchengemeinde St. Marien war im Nebenamt mit der Seelsorge und dem weiteren kirchlichen Dienst an der 1912 eröffneten 4. Pommerschen Heil- und Pflegeanstalt (heute: Krankenhaus-West – Helios Hanseklinikum Stralsund) beauftragt und damit vertraut mit den Patienten, die später Opfer Herbert Langes werden sollten. Richard Thurow verstarb 1930 im Alter von 59 Jahren.
Mitte der dreißiger Jahre gibt Herbert Lange im „Fragebogen zur Erlangung der Heiratsgenehmigung“ (siehe „Herbert Lange Dokumente“, veröffentlicht am 09. Juli 2026) als Konfession noch evangelisch an. In seiner SS-Führerpersonalakte (Akte BArch R 9361-III/539372) heißt es dann später: „ggl. – gottgläubig“.
Die Bezeichnung „gottgläubig“ hatte in der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund eines Erlasses des Reichsinnenministers Wilhelm Frick vom 26. November 1936 bei aus den Kirchen ausgetretenen Personen auf den Melde- und Personalbögen der Einwohnermeldeämter sowie in Personalpapieren unter der Rubrik „Religionszugehörigkeit“ die Worte „Dissident“ oder „konfessionslos“ zu ersetzen. Als „gottgläubig“ galt, wer sich von den anerkannten Religionsgemeinschaften abgewandt hatte, jedoch nicht „glaubenslos“ war. Die Einführung des Begriffs „gottgläubig“ kann man als Versuch betrachten, eine religiöse Identifikationsformel für Nationalsozialisten jenseits der Kirchen und anderer Glaubensgemeinschaften zu schaffen. Das Wort bezeugte einen Kirchenaustritt und galt damit zum Beispiel im Hinblick auf staatliche Dienstverhältnisse als Ausweis besonderer ideologischer Nähe zum Nationalsozialismus. In der Schutzstaffel (SS) wurde die christliche Kirchenzugehörigkeit ab den 1930er-Jahren aktiv bekämpft. Reichsführer SS Heinrich Himmler forderte SS-Angehörige auf, aus der Kirche auszutreten.
Stand der Begriff „gottgläubig“ bis in die 1930er Jahre auch für unverfängliche religiöse Vorstellungen, also für Monismus, Pantheismus oder christlichen Unitarismus (die Ablehnung der Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist), wies er im völkisch-deutschnationalen Spektrum nun die teils radikale Abkehr von den christlichen Konfessionen aus, die unter anderem aufgrund ihrer „orientalischen“, ihrer jüdischen Wurzeln nicht zum religiös überhöhten „Deutschtum“ passten.
Papst Pius XI. kritisierte in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ aus dem Jahr 1937 den Begriff „gottgläubig“ als „pantheistisch verschwommen“ und wendet sich in diesem Kontext ebenfalls gegen die nationalsozialistische Rassenlehre: „Dieser Gott hat in souveräner Fassung Seine Gebote gegeben. Sie gelten unabhängig von Zeit und Raum, von Land und Rasse. So wie Gottes Sonne über allem leuchtet, was Menschenantlitz trägt, so kennt auch Sein Gesetz keine Vorrechte und Ausnahmen. Regierende und Regierte, Gekrönte und Ungekrönte, Hoch und Niedrig, Reich und Arm stehen gleichermaßen unter Seinem Wort.“
Als „gottgläubig“ galten 1939 rund 3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. In der NSDAP war diese Gruppe deutlich stärker repräsentiert: Im Gau Berlin waren 27 Prozent, in Aachen gut 22 Prozent der NSDAP-Mitglieder „gottgläubig“. Bei der Waffen-SS wurden etwa 30 Prozent als „gottgläubig“ geführt, auf Führungsebene war der Anteil weitaus höher.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass weder sein – zumindest formell christliches – Elternhaus noch die Institution der evangelisch-lutherischen Kirche in der Kirchenprovinz Pommern Herbert Lange die moralische Festigkeit und die christlichen Werte vermitteln konnten, die ihn womöglich davon abgehalten hätten, zum Massenmörder zu werden.

Foto: Peter Hoffmann
Herbert Lange in Stettin (Szczecin)
Ab 1934 war Herbert Lange bei der Gestapo Stettin (Szczecin) tätig, bevor er im Jahr darauf zur Gestapo Aachen wechselte. Diese erste Station seiner Polizei-Karriere führte ihn mit Mitte zwanzig aus Stralsund in die Hauptstadt der Provinz Pommern, in eine prosperierende Hafen- und Großstadt mit seinerzeit rund 270.000 Einwohnern. Im während des 2. Weltkrieges weitgehend zerstörten Stadtzentrum hat sich das Gebäude Augustastraße 47 (heute: ulica Malopolska 47), in dem sich der Sitz der Gestapo Stettin befand, erhalten. Hierzu gibt es eine mehrsprachige Informationstafel vor dem Haus. Der neugotische Komplex wurde in den Jahren 1902-1905 für das Königliche Polizeipräsidium der preußischen Provinz errichtet. Das Gebäude ist bis heute Sitz der Polizei und spielte während des Aufstandes von 1970 eine zentrale Rolle. Unmittelbar neben dem Polizeigebäude befindet sich seit 2014 der Neubau der Stettiner Philharmonie, der als neues Wahrzeichen der Stadt gilt.

Foto: Peter Hoffmann
… ist der Name Herbert Lange einem breiteren Publikum spätestens mit dem Erscheinen des Buches „The Traitors Circle: The Rebels Against the Nazis and the Spy Who Betrayed Them“ („Der Kreis der Verräter: die Rebellen gegen die Nazis und der Spion, der sie verriet“) des britischen Bestseller-Autors Jonathan Freedland; erschienen 2025 in Großbritannien im Verlag John Murray/Hodder & Stoughton/Hachette UK.
Jonathan Freedland erzählt in seinem Werk die akribisch recherchierte Geschichte des „Solf-Kreises“, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die durch einen eingeschleusten Spitzel verraten wurde. Hierzu haben wir bereits anlässlich unseres Besuches in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück im Frühjahr 2026 berichtet. Die meisten Mitglieder des Kreises wurden verhaftet und hingerichtet. Nur wenige Angehörige des Solf-Kreises überlebten das Dritte Reich. Maßgeblich beteiligt an der Verfolgung der Widerstandsgruppe: Kriminalrat Herbert Lange.
Herbert Lange als Gestapo-Gegenspieler der Widerständler wird in diesem Buch auch biographisch behandelt: Zu seinem Aufwachsen in der Stralsunder Mönchstraße heißt es bei Freedland:
„The Langes lived on a lively street, where Jews and non-Jews mixed easily – the Cohns lived next door and the Gersons were opposite – and the family scraped together enough money to send young Leo to the prestigious Oberrealschule. But life never stopped being hard.”
„Die Langes wohnten in einer belebten Straße, in der Juden und Nichtjuden ungezwungen miteinander umgingen – die Cohns wohnten nebenan und die Gersons gegenüber –, und die Familie kratzte geradeso genug Geld zusammen, um den jungen Leo auf die angesehene Oberrealschule zu schicken. Doch das Leben blieb weiterhin hart.“
Herbert Lange – seine Freunde nannten ihn „Leo“ – strebte danach, den kleinbürgerlich-ärmlichen Verhältnissen seiner Herkunft zu entkommen. Mit gerade einmal 22 Jahren trat er 1932 der NSDAP bei, ein Jahr später war er Mitglied der SS. Freedland schreibt hierzu:
„He was on the inside and the only way was up.”
„Er war drinnen und der einzige Weg war nach oben.“
Nicht nur insofern ist das uralte heutige Museumshaus Mönchstr. 38, das sich durch die Jahrhunderte geschleppt hatte mit all seinen Umbauten und Improvisationen, dem morschen Gebälk, den schiefen Treppen, seinen dunklen Kämmerchen, den engen Stuben, Winkeln und Abseiten, eine beredte Quelle: Sein Weg führte Herbert Lange weg von dem Elternhaus mit der Schwarzküche und den Wrasen an deren Decke zu einem nach ihm benannten SS-Sonderkommando mit eigenem Stab, mit eigenem Mercedes und Chauffeur und all den anderen damit verbundenen Privilegien und modernen Annehmlichkeiten für ihn und seine eigene junge Familie, die auch schließlich mit seiner Tätigkeit im Reichssicherheitshauptamt in Berlin verbunden waren.
„An engrossing narrative … a spellbinding account.”
„Eine fesselnde Erzählung … ein packender Bericht.“
Wall Street Journal
“Thrilling … an inquiry into how, in the direst circumstances, some people find the immense courage to do what is right.”
„Spannend … eine Untersuchung darüber, wie manche Menschen unter den schlimmsten Umständen den immensen Mut aufbringen, das Richtige zu tun.“
The Economist, Books of the Year
„The Traitors Circle“ von Jonathan Freedland ist in der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung erhältlich.

ENGINEERED FOR MASS MURDER – THE NAZI GAS VANS: 1939 – 1945
lautet der Titel einer umfassenden Aufarbeitung der Geschichte der Nazi-Gaswagen, die Cameron Munro von der Berliner Tiergarten 4 Association e.V. 2025 veröffentlicht hat. Die 274 Seiten umfassende Darstellung beruht auf seiner langjährigen Forschung zum Thema und bezieht erstmals fünfzehn Original-Photographien dieser Wagen mit ein. Neben den persönlichen Verantwortlichkeiten (Herbert Langes Beitrag zu diesem Zivilisationsbruch eingeschlossen) sind es vor allem die detailreich wissenschaftlich belegten technischen Aspekte der Gaswagen, die hier umfassend dokumentiert werden.
Uwe Neumärker, Direktor des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin: „Das Buch von Cameron Munro ist ein Meilenstein in der Erforschung des Holocaust. Seine Untersuchung – das Ergebnis unermüdlicher Recherchen – befasst sich mit einem (fast) unbekannten Kapitel dieses Verbrechens gegen die Menschheit und schließt eine entscheidende Wissenslücke.“
Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees: „Cameron Munros beeindruckende Recherchen lenken unsere Aufmerksamkeit auf den Technikfanatismus und die kalte Entschlossenheit, mit der die SS-Mörder die Massenvernichtung der jüdischen Familien Europas planten und durchführten: ein schockierendes Dokument, das einmal mehr zeigt, wie skrupellos und ohne moralische Hemmungen Menschen ans Werk gehen können, die Vernichtungsszenarien gegen andere Menschen entwickeln und technisch ermöglichen.“
Auf YOUTUBE finden sich ausführliche Beiträge Cameron Munros zum Thema. Hier der link zu seinem Video zur Publikation: https://www.youtube.com/watch?v=WQBJ8U_Fo-c
Erhältlich ist das Buch über die
Tiergarten 4 Association e.V.
Wiesenstrasse 16
13357 Berlin (Mitte)
+49 (0)30 – 364 279 94
info@tiergartenstrasse4.org


Mitgliederkarteikarte von Herbert Lange aus der NSDAP-Gaukartei, Vorderseite (BArch R 9361-XI KARTEI/24730692)

Handschriftlicher Lebenslauf von Herbert Lange (Akte BArch R 9361-III/235305)

Handschriftlicher Lebenslauf von Herbert Lange Seite 2 (Akte BArch R 9361-III/235305)
Wir bedanken uns beim Bundesarchiv in Berlin für die freundliche Unterstützung unseres Vorhabens im Rahmen der Aufarbeitung der NS-Zeit: NSDAP-Mitgliederkarteikarte und Lebenslauf Langes belegen den Bezug zum Museumshaus Mönchstraße 38. Nach dem Parteieintritt am 01. Mai 1932 erfolgten in Stralsund im August 1932 der Beitritt Langes zur SA und im März 1933 sein Übertritt zur SS.
Am 29. April hatten wir Frau Dorata Makrutzki, Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg am Pommerschen Landesmuseum in Greifswald, mit einer polnisch-deutschen Gruppe auf ihrer Gedenkfahrt nach Stralsund zu Gast im Lädchen. Zu den Besuchern, die sich bei uns über das Leben und Aufwachsen des NS-Kriegsverbrechers Herbert Lange im heutigen Museumshaus Mönchstr. 38 sowie den Umgang mit dieser exponierten Tätergeschichte in der Hansestadt Stralsund informierten, zählten u.a. die polnische Historikerin Katarzyna Sztuba-Frackowiak, die die Geschichte der Anstalt Meseritz-Obrawalde erforscht, und Dr. Kathleen Haack, Autorin des Buches „Vom Anstaltsboom zum NS-Krankenmord“.

Foto: Katrin Hoffmann

Herbert Lange in Ravensbrück
Die brandenburgische Kleinstadt Fürstenberg an der Havel liegt gute 150 Straßenkilometer südlich von Stralsund und ist von hier in anderthalb Stunden Fahrt zu erreichen. Vom Zentrum Berlins aus sind es über die B96 etwa 90 Kilometer.
Mit der Berliner Nordbahn benötigt man von Stralsund etwa zwei Stunden, von Berlin aus die Hälfte. Ab dem Bahnhof Fürstenberg führt ein etwa 25-minütiger Fußweg zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.
In Ravensbrück errichtete die SS ab 1939 das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet. Über 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche aus über 30 Nationen wurden bis 1945 als Häftlinge registriert. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das Lager, in dem rund 2.000 kranke Häftlinge zurückgelassen worden waren. Man geht davon aus, dass im Konzentrationslager Ravensbrück 28.000 Häftlinge ermordet wurden.
Herbert Lange kam Mitte 1942 nach seinem Einsatz in Posen zum Amt IV (Geheime Staatspolizei) des Reichssicherheitshauptamtes nach Berlin. 1943 wurde er dort stellvertretender Referatsleiter des Referates IV E 3 (Abwehr West – Schweiz, Frankreich, Belgien). Mit Hilfe eines eingeschleusten Spitzels gelang der Sonderkommission Lange die Enttarnung des sog. „Solf-Kreises“, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die von Regimekritikern der teils liberalen, teils konservativen deutschen Eliten getragen wurde. Anfang 1944 genehmigte Himmler eine von Lange vorgeschlagene groß angelegte Verhaftungsaktion. Die meisten Mitglieder der Gruppe wurden verhaftet und hingerichtet. Nur wenige Angehörige des Solf-Kreises haben überlebt. Im Laufe des Jahres verlegte die Sonderkommission Lange aufgrund der Kriegseinwirkungen ihren Sitz in die Sicherheitspolizeischule Drögen bei Fürstenberg an der Havel. Ihre Gefangenen wurden im „Zellenbau“ des nahe gelegenen KZ Ravensbrück, aber auch in der Sicherheitspolizeischule selbst untergebracht und verhört. Bereits vor den Verhaftungen im Zuge des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 wurden die Häftlinge in Drögen bzw. Ravensbrück „verschärft vernommen“, also geschlagen und gefoltert. Detaillierte Auskunft zu diesen Vorgängen bietet das Buch „Fürstenberg-Drögen – Schichten eines verlassenen Ortes“ von Florian von Buttlar, Stefanie Endlich und Annette Leo, erschienen in der Edition Heinrich, Berlin, 1994.
Der in diesem Kontext von Himmler in einer Rede persönlich belobigte und inzwischen zum SS-Sturmbannführer beförderte Lange hatte seine Frau und seine Töchter an diesen Ort des Verbrechens vor den Luftangriffen auf Berlin in Sicherheit gebracht. Christabel Bielenberg, die im Winter 1944/45 auf dem Weg zu ihrem in Ravensbrück inhaftierten Mann war, begegnete Langes Familie im Eisenbahnabteil auf dem Weg dorthin. Die Augen der beiden Töchter erinnerten sie an den Vater, dem sie kurze Zeit später in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße begegnete:
„Nun konnte ich ihn erkennen. Es war nicht mehr nur eine körperlose Fistelstimme, sondern ein kleiner, untersetzter, noch jüngerer Mann mit einem birnenförmigen Kopf. Er hatte dunkles, schütteres Haar über einer hohen schmalen Stirn, rundliche Backen und einen kleinen Mund mit wulstigen Lippen. Er war gewiss keine Schönheit, aber es war der Ausdruck seiner Augen, der ihn so grauenerregend machte. Sie lagen nahe beieinander, waren sehr klein, sehr blau, sehr kalt und starrten mich intensiv und wachsam an.“
Zitiert aus: Christabel Bielenberg, Als ich eine Deutsche war, 1934 -1945, Eine Engländerin erzählt, C.H. Beck, München, 1969.
Wohl keiner der Täter aus Fürstenberg-Drögen ist nach 1945 wegen seiner Taten dort bestraft worden. Die meisten ihrer Opfer, die dort verhört und gefoltert worden waren, starben unter dem Fallbeil oder durch den Strang der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee oder wurden noch in den letzten Kriegstagen ermordet. „Die Täter, die nicht bestraft wurden – auch dies ist ein Teil der Geschichte des vergessenen Ortes in Drögen“, heißt es in dem o.g. Buch über die Sicherheitspolizeischule Fürstenberg-Drögen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente das etwa 50 ha große Gelände bis 1990 als Kaserne der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Von den Gebäuden steht heute nichts mehr. Lediglich ein verblasstes sowjetisches Ehrenmal kündet nahe der B96 noch von diesem Ort und seiner Geschichte.

Foto: Peter Hoffmann

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