Eine Kindheit und Jugend in Stralsund

„Nach drei Jahren in verschiedenen Unterkünften in der Stadt und als 1914 in Europa der Krieg ausbrach, zog Max Lange mit seiner Familie zusammen mit drei anderen Familien in die Mönchstraße 38, die, wie es das Schicksal wollte, heute Teil des Stadtmuseums ist“, schreibt Andrew Wallis auf Seite 88 seiner Abhandlung „Herbert Lange – Stralsunds ‚vergessener‘ Mann mit einem ‚unvergesslichen‘ Leben“ (Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag vom September 2024, herausgegeben vom Stadtarchiv Stralsund, der Kreisvolkshochschule Vorpommern-Rügen und dem Stralsunder Geschichtsverein e.V. Das Heft ist – solange der Vorrat reicht – in der STRANDLÄUFER Verlagsbuchhandlung im Museumshaus Mönchstr. 38 erhältlich.).

Andrew Wallis beschreibt die prekären Verhältnisse, die das Leben der Familie Lange prägten, insbesondere das ökonomische Scheitern des Vaters, dem es als Schmied nicht gelang, in der Stadt wirtschaftlich nachhaltig Fuß zu fassen und der bereits 1920 verstarb. Andrew Wallis hierzu ebenda: „Ein Jahr später wurde Max aus seinem Beruf entlassen. Wenige Tage später, am Montag, dem 12. Juli, betrat Erich, Herberts älterer Bruder, abends das elterliche Schlafzimmer, während seine Mutter im Laden arbeitete, und fand seinen Vater tot auf“. Fortan war es an Herbert Langes Mutter Anna, mit Haus und Laden für die Familie aufzukommen.

Mit sechs Jahren besuchte Herbert Lange die Höhere Knabenschule am Frankenwall.

Höhere Knabenschule am Stralsunder Frankenwall, heute Grundschule „Gerhart Hauptmann“. Die Schulerziehung erfolgte seinerzeit unter strenger Geschlechtertrennung.

Seinen Schulweg teilte sich Herbert Lange etwa mit dem gleichaltrigen Max Cohn, dessen Familie in das benachbarte Haus Mönchstr. 37 eingezogen war und dort das Herrenbekleidungsgeschäft Moses übernommen hatte. Ihr täglicher Gang führte die Jungen vorbei an der Stralsunder Synagoge, die in der Langenstraße 69 stand. Sie wurde 1787 als erste Synagoge in Vorpommern eröffnet, 1913 umgebaut und in der Pogromnacht am 10. November 1938 von Nationalsozialisten zerstört. Heute erinnern eine Gedenktafel und Stolpersteine für die Familie Joseph an diesen Ort und seine Geschichte.

Es ist ja keineswegs so, dass die Nationalsozialisten quasi wie „kleine braune Männchen“ aus dem Nichts auftauchten, plötzlich als üble Schurken die Macht an sich rissen (und dann mit Kriegsende ebenso plötzlich allesamt wieder verschwunden waren). Auch dies zeigt die Tätergeschichte Herbert Langes: Er kam aus einem Elternhaus mitten in Stralsund. Großväter so mancher Stralsunder sind mit Herbert Lange zur Schule oder in den Konfirmandenunterricht gegangen. Herbert Lange wurde zum Massenmörder, andere wurden zu Mitläufern, sein Klassenkamerad Wolfgang Heinze wurde 1945 als Angehöriger des antifaschistischen Widerstands hingerichtet. Langes Nachbarn, die Familien Cohn (nebenan) und Gerson (gegenüber), kamen im Holocaust um.

Demokratische Republik oder faschistischer Staat, so lautete spätestens seit 1930 die Alternative. Der Ausgang der Entscheidung und der weitere Verlauf sind bekannt. 

Gewiss gab es die „nationalsozialistische Volksgemeinschaft“, die die Untaten der Nazis ebenso durch Mitwirken wie durch Wegsehen überhaupt erst ermöglicht hat.

Nur sollte man es sich nicht mit dem Hochmut der Nachgeborenen zu einfach machen und sich von bequemer Warte kopfschüttelnd auf ein allgemeines, wohlfeil-entlastendes „Wie konnten sie nur?“ zurückziehen. 

Die Versprechungen der Nazis fielen auf fruchtbaren Boden. Viele sahen darin ihre Chance für einen sozialen Aufstieg und verdrängten etwaige Bedenken. Sie hätten wissen können, aber so schlimm würde es schon nicht kommen. Die Frage ist, was wir heute wissen könnten, was wir verdrängen, weil es so schlimm schon nicht kommen wird … Wir stecken wie unsere Vorfahren mitten im historischen Geschehen, das eben nicht mit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands zu einem glücklichen Ende gekommen ist. Geschichte wiederholt sich nicht 1:1, aber es kommt darauf an, sich zu erinnern, um rechtzeitig womöglich fatalen Entwicklungen zu begegnen, solange es noch geht. Wir sind heute anderen, mitunter neuen Gefährdungen ausgesetzt., die wir in ihrem vollen Umfang und ihren schließlichen Konsequenzen ebensowenig durchschauen wie das Gros der Menschen damals. Man braucht sich nur vorzustellen, was etwa die Nationalsozialisten mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und der daraus resultierenden Kontrolle jedes einzelnen gemacht hätten. Haben wir uns hier bereits mitschuldig gemacht, weil wir uns nicht rechtzeitig dagegen gewehrt und fortschrittsgläubig mitgemacht haben? Und was sind die Konsequenzen unserer Wahlentscheidungen? Wird man über uns späterhin auch urteilen „Wie konnten sie nur?“

Herbert Lange, Max Cohn und Wolfgang Heinze besuchten nach der Knabenschule am Frankenwall die Oberrealschule in der Bleistraße.

Ehemalige Oberrealschule in der Bleistraße 4. Nach dem 2. Weltkrieg war sie bis 2005 Berufsschule und beherbergt nach umfassender Sanierung heute Arztpraxen und Wohnungen.

Herbert Lange war ein allenfalls durchschnittlich begabter Schüler. Er musste 1925 die Untersekunda wiederholen. Unser Dank gilt Dr. Andreas Neumerkel vom Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund, der folgende Einträge für ihn in den Schülerlisten der Oberrealschule ermitteln konnte:

Schuljahr 1924: Untersekunda

Schuljahr 1925: Untersekunda

Schuljahr 1926: Obersekunda

Schuljahr 1927: Unterprima

Im Schuljahr 1928 taucht er in den Schülerlisten gar nicht auf.

Schuljahr 1929: Oberprima

Dem Oberschulregister 1930 ist für seinen letzten Schultag, den 16. März 1930, zu entnehmen, dass der nunmehr 20-Jährige eine Zukunft als Diplomkaufmann anstrebe.

Literaturtipp:

Rolf Winter, Hitler kam aus der Dankwartsgrube (Und kommt vielleicht mal wieder) – Eine Kindheit in Deutschland, erschienen bei Rasch und Röhring, Hamburg, 1991, 176 Seiten.

Rolf Winter beschreibt anhand seiner Familiengeschichte, wie Menschen aus ihrer Armut heraus Anhänger des Nationalsozialismus wurden, wie das „Proletariat“, der „Plebs“ 1933 in blindem Hass auf das versagende demokratische „System“ zu den Nationalsozialisten überlief.
Der Autor zeigt eine Jugend im Hinterhof, wo nicht sicher war, ob das Essen reichte und wie die Versprechungen des Verführers Hitler dort auf fruchtbaren Boden fielen. Das Haus steht noch heute in der Dankwartsgrube, einer Straße in der Lübecker Altstadt.

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Alle Fotos: Peter Hoffmann