Mutmaßliches Ende in Bernau

Auf dem Neuen Friedhof in Bernau weist seit Kurzem nichts mehr namentlich auf Herbert Lange hin.
(Foto: Peter Hoffmann)

Sein mutmaßliches Ende fand Herbert Lange am 20./21. April 1945 in Bernau bei Berlin.

Am 19. April 1945 kündigten sich die bevorstehenden Kampfhandlungen in der nordöstlich von Berlin gelegenen brandenburgischen Kleinstadt Bernau durch Geschützdonner und Überfliegen des Terrains im Wehrbezirk 3 an. Eine Einheit des Sicherheitspolizei-Bataillons, dem Herbert Lange angehörte, hatte auf Schloss Börnicke in der Hasenheide östlich von Bernau einen Stützpunkt. Der Volkssturm bezog Stellungen zur Abwehr der herannahenden sowjetischen Truppen, die er jedoch bald wieder verließ. Ungeordnete deutsche Truppen auf dem Rückzug zogen durch. Menschen, die sich dem Krieg entziehen wollten, um zu überleben, wurden getötet. Die Kämpfe begannen am 20. April 1945 und endeten am Abend des Folgetages. Eine kämpfende Einheit des „3. SS-Sipo-Bataillons“ in der Ortslage wurde nach dem Ende der Kampfhandlungen erwähnt. Die sowjetischen Truppen marschierten anschließend weiter Richtung Berlin und Richtung Westen.

Am 21. April übernahmen Einheiten der 47. Armee der 1. Belorussischen Front Bernau. Am 22. April 1945 wurde Leutnant Konrad Wolf (1925 – 1982) – später einer der wichtigsten Regisseure in der DDR, langjähriger Präsident der Akademie der Künste und seit 1981 Mitglied des Zentralkomitees der SED – für einen Tag der erste sowjetische Stadtkommandant von Bernau. Seine dortigen Erlebnisse verarbeitete er in dem Antikriegsfilm „Ich war neunzehn“ aus dem Jahr 1968. Der Schwarzweißfilm besticht noch heute mit seinen ikonischen Bildern und der eindringlichen mosaikartigen Darstellung der letzten Kriegstage.

Auf dem Gelände des Schönfelder Weges zwischen Schloss Börnicke und Bernau wurden am 08. Mai 1945 sechs Leichen geborgen. Diese wurden dann am selben Tag ohne Sarg in einem länglichen Reihengrab auf dem Neuen Friedhof von Bernau in der Jahnstraße im Sammelgrab Abteilung J bestattet. Eine dieser Leichen trug das Soldbuch Herbert Langes bei sich. Aufgrund dessen wurde vom Standesamt Bernau 1947 eine Sterbeurkunde für Herbert Lange ausgestellt. Sie wurde auf den 20. April 1945 datiert.

Klaus-Dieter Jäschke vom „Arbeitskreis Gedenken des Territorialen Bündnisses Bernau bei Berlin“ verfasste 2024 eine Ausarbeitung mit dem Titel „Schatten – Die Botschaft der Grabstätte Abteilung J für das Erinnern und Gedenken in Bernau bei Berlin“, in der er seine umfassenden Recherchen zum mutmaßlichen Ende Herbert Langes schildert und belegt. Wir bedanken uns bei ihm herzlich, dass er uns seine Zusammenstellung zur Verfügung gestellt hat. Die Schrift ist u.a. im Stadtarchiv Bernau sowie in der Bibliothek des Brandenburgischen Landeshauptarchivs (blha) in Potsdam vertreten. Wir danken auch der Friedhofsverwaltung in Bernau, die den Kontakt zu Herrn Jäschke ermöglichte.

„Ob der Tote identisch war mit dem im Soldbuch Genannten, interessierte den Bergungstrupp nicht. Ob einem Toten ein Soldbuch zugesteckt worden war, um selbst unerkannt untertauchen zu können, war möglich und auch Praxis. Vor allem, wenn Verfügbarkeit über andere, unverfängliche Dokumente bestanden hatte, um bei einer Absetzbewegung der Erschießung durch die eigene Feld-Gendarmerie zu entgehen.“ So Klaus-Dieter Jäschke in seiner oben genannten Ausarbeitung auf Seite 10.

Weiterhin schrieb uns Herr Jäschke mit Post vom 27. August 2026 zu Herbert Langes mutmaßlichem Ende in Bernau: „Zu berücksichtigen ist, dass das Kriegsende in Bernau um den 21. April 1945 eintrat. Der Todeseintritt der später aufgefundenen toten deutschen Militärangehörigen wurde auf diese Tage datiert, ohne dass das Bergekommando und der Friedhofsgärtner wussten, wann die im Massengrab bestatteten Leichname zu Tode kamen. Geschweige, wer wen tötete. Die Zuordnung der Identitäten beruhte auf dem damals üblichen Prozedere. Identifizierungen und Leichenschauen fanden nicht statt. Die folgenden Fahndungsmaßnahmen nach Kriegsverbrechern waren Aufgabe des NKWD (NKWD steht für das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, russisch Narodny Kommissariat Wnutrennich Del, der Sowjetunion; Anmerkung des Verfassers), später des K5 des Ministeriums des Innern. Erst mit der Befragung von Personen zum Massenmord begann die Personifizierung der Täter und die Erhellung der Rolle des RSHA (des Reichsicherheitshauptamtes, Anmerkung des Verfassers), also Himmlers Gefolgschaft. Viele seiner Mittäter auf seiner Befehlsebene waren geflohen oder wurden gedeckt. Die Denker des Massenmordes waren andere, er ein Ausführender, an den Platz jeweils beordert, den er skrupellos ausfüllte.“

Wir sind nach allem zu der Auffassung gelangt, dass Herbert Lange mitnichten ein bloßer „Ausführender“ war. Dazu brachte er zu viel Eigeninitiative auf. Durch seine praktische Umsetzung der Morde und seine Beteiligung an der Entwicklung und Umsetzung der Massenmordtechnik der Gaswagen wurde er zu einer Schlüsselfigur des Holocaust.

Es nimmt kein Wunder, dass die Vermutung aufkam, Herbert Lange habe wie so manche andere das Chaos der letzten Kriegstage genutzt, um unterzutauchen, um der Strafe für seine Verbrechen, die ihm gewiss war, zu entgehen.

In seiner Abhandlung von 2024 schreibt Klaus-Dieter Jäschke hierzu weiterhin: „Die nach 1947 bis in die 2000er-Jahre nachweislich vollzogenen Fahndungsmaßnahmen zu Herbert Lange legen nahe, dass diese These auch in die Überlegungen der Untersuchungsorgane in Ost und West einfloss.“ Irgendwelche Indizien für ein Überleben Herbert Langes sind nicht bekannt. Ein Ende in Bernau ist zumindest schlüssig.

Nachdem während der DDR-Zeit kein staatliches Interesse an einer besonderen Gestaltung von dergleichen Grabstätten bestand, wurde im Zuge der Umsetzung des bundesdeutschen Gräbergesetzes (Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft) nach 1993 eine Neugestaltung auch der Anlage auf dem Neuen Friedhof in Bernau umgesetzt, um diese für die Hinterbliebenen und die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Herbert Lange erhielt in diesem Zuge 1996 eine Gedenkplatte, die mit Namen und Sterbedatum an ihn erinnerte.

Im Juli 2026 haben wir auf dem Neuen Friedhof von Bernau nach der Keramikplatte für Herbert Lange, die Andrew Wallis noch in seiner Abhandlung von 2024 mit Foto dokumentiert hatte, Ausschau gehalten. Vergeblich. Wie wir inzwischen erfahren haben, wurde Herbert Langes Platte kürzlich zusammen mit der eines weiteren dort bestatteten Angehörigen der SS beräumt und durch eine Platte mit der Aufschrift „Unbekannt“ ersetzt.

Herbert Langes Tätergeschichte muss man erzählen, aber ihn namentlich unter den „Opfern beider Weltkriege“ zu erwähnen, wäre in der Tat zynisch.