Blauzahns Schatz

Ein Stralsund-Krimi von Peter und Katrin Hoffmann

Schwester Ingrid hat schon so einiges erlebt in ihrer Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Doch eines Tages taumelt ein gehetzter alter Herr ins Wartezimmer und stirbt in ihren Armen. Seine letzten Worte lösen eine abenteuerliche Schatzsuche quer durch Stralsund aus, die für Ingrid nicht ganz ungefährlich ist. Denn auch geldgierige Schurken sind dem Geheimnis auf der Spur. Ein Krimi mit historischen Wurzeln, die bis in das Jahr 965 zurückreichen.

Peter und Katrin Hoffmann
Blauzahns Schatz – Ein Stralsund-Krimi
3. Auflage, Stralsund 2008, 180 Seiten, Paperback, 19 x 12,5 cm
ISBN 978-3-941093-02-7

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Rüber über den Zebrastreifen. Es kam gerade kein Auto. Ingrid, denk an was anderes, sonst passiert ein Unglück! Der Professor kam ihr in den Sinn. Es war Mittagspause gewesen, die letzten Patienten gerade gegangen, der Chef unterwegs ins Autohaus, um über Mittag seinen neuen Volvo-Kombi von der Reparatur abzuholen. Irgendetwas mit dem Navigationssystem stimmte nicht. Und wenn etwas mit dem Navigationssystem nicht stimmte, dann musste mann eben seine Mittagspause opfern und im Autohaus rumsitzen. Selber Schuld. Ingrid wollte die Eingangstür zuschließen und hatte sich schon auf ihre rohen Möhren mit Schnittlauch-Joghurt-Dip und einen ganzen Schwung neuer Lesemappen gefreut. Konnten die Leute die Tür nicht richtig zumachen? Stand da nicht groß und gut leserlich in Druckbuchstaben: BITTE TÜRE SCHLIEßEN? Was war so schwierig daran, dieser eindeutigen Bitte Folge zu leisten? Sollte sie denen jedes Mal vom Tresen aus hinterherbrüllen: »Tür zu!«? Sie hatte die Klinke im Griff und war gerade so schön echauffiert, als ihr plötzlich von außen die Tür aus der Hand gerissen wurde. Völlig außer Atem und wüst keuchend war der alte Dr. Kalbheim an ihr vorbeigehastet. »Sie sind hinter mir her! Sie sind hinter mir her!«, rief er ihr zu. Sein Atem rasselte übel. Schwester Ingrid war hinter Dr. Kalbheim hergeeilt bis an den Praxistresen. »Nun beruhigen Sie sich doch erst einmal …« »Schnell, schnell … Die Tür zu! Schnell! Sie sind hinter mir her!« Schwester Ingrid zögerte. Was jetzt zuerst tun? Die Tür schließen? Wer um Himmels willen sollte hinter dem armen alten Mann her sein? Und warum? Sich um den japsenden Dr. Kalbheim kümmern, der wirklich nicht gut aussah und sich an die Seite griff? »Schnell, B I T T E!«, riss der Professor sie aus ihren sich überstürzenden Überlegungen. Ingrid lehnte ihn an den Tresen und lief zur Tür. Von da kam es kalt und windig rein, als Erstes musste die Tür zu. Vielleicht würde das den Alten ein wenig beruhigen. Sie warf einen schnellen Blick hinaus – Radler, ein Bus fuhr vorbei, nichts Auffälliges oder gar Beunruhigendes – wollte die Eingangstür von innen schließen … Da hörte sie es auch schon krachen und scheppern. Dann ein dumpfer Aufprall. Schwester Ingrid rannte zurück in die Praxis. Dr. Kalbheim lag mitten im Chaos ihres verwüsteten Vorzimmers. Im Fallen hatte er die Prospekte und einen Stapel Krankenakten vom Tresen gefegt, den Garderobenständer umgerissen und in einer Kettenreaktion die Hydrokulturpflanzen verheerend in Mitleidenschaft gezogen. Er lag auf den Trümmern vom Glastisch und röchelte nur noch leise. Ingrid kniete sich neben ihn, am Boden spürte sie den frischen Luftzug von der Haustür her. Sie versuchte, den Professor zu beruhigen, redete beschwichtigend auf ihn ein, sah sich nach einem Kissen, nach etwas zum Unterlegen um … Mit scheinbar letzter Kraft richtete der alte Mann sich auf, öffnete den Mund, starrte sie mit großen Augen an, brach ab, ließ sich wieder fallen. Ingrid hielt ihn fest. In ihren Armen geborgen öffnete er noch einmal die Augen und bewegte die Lippen. Sie beugte sich ganz nah zu ihm herab: »Herr Kalbheim! Herr Kalbheim? … Ich bin ja da, ich bin ja da …« »Der Schatz … der Schatz …«, stammelte der alte Mann mit geschlossenen Lidern, hinter denen die Augen hin und herflogen. »Franziskus … Franziskus hat ihn … Vorsicht …« Ingrid spürte, wie die Körperspannung des Alten nachließ. Ein Schaudern überkam sie. Kein Puls mehr zu spüren. Pflichtbewusst begann sie mit der Wiederbelebung. Keine Reaktion. Sie rief den Notarzt. Der kam schnell, konnte aber Dr. Kalbheim auch nicht mehr zurückholen. Nach endlosen Minuten der Quälerei stellten sie im Wagen seinen Tod fest, Schwester Ingrid machte ihre Angaben. Der Notarztwagen fuhr vom Praxisgrundstück, die kleine Schar Schaulustiger entlang des Bürgersteiges löste sich auf. Schwester Ingrid ging zurück, schloss die Praxistür auf. Trotz Strickjacke fröstelte sie. Sie zog die Tür fest hinter sich zu und übersah das Chaos. Sie stakste mitten hindurch zur Toilette. Dann machte sie sich umgehend daran, das Vorzimmer der Praxis aufzuräumen. Sie musste etwas tun. Sollte sie hier nur rumsitzen? Die Möbelteile und die großen Pflanzenstücke stopfte sie in einen Müllsack. Das war wie bei ihren Eltern gewesen, dachte Schwester Ingrid: Da lag noch immer derselbe Mensch, derselbe Körper vor einem, aber von einem Moment auf den anderen war etwas Wesentliches, war das Wesentliche, war das, was diesen Menschen im Grunde ausgemacht hatte, weg, verschwunden. Sie war ja nicht gläubig oder so was in der Art. Aber konnte einem das nicht irgendwie zu denken geben?

          Ingrid saugte den Teppichboden. Einen neuen Staubsauger könnte die Praxis bei Gelegenheit auch gebrauchen. Diese Dinger mit ohne Staubsaugerbeutel taugten nichts, das hatte sie gleich gesagt. Aber der Chef bestand darauf. Männer und Technik. Staubsauger ohne Staubsaugerbeutel und Navigationssysteme im Auto. Letztere kannte sie zwar nur vom Hörensagen, aber trotzdem. Wozu dieser ganze Aufwand? Tat es nicht auch eine simple Straßenkarte? Um die Pflanzen musste sich ein Spezialist kümmern, die konnte sie nur notdürftig richten. Mit der Staubsaugerbürste stieß sie an Dr. Kalbheims verbogene Brille. Ein Glas war zertreten. Was machte sie jetzt damit? Da in der Ecke lag auch noch seine schwarze Baskenmütze. 

         Der Chef kam pünktlich zur Sprechstunde mit seinem Wagen aus der Werkstatt: »Alles in Ordnung? Irgendwas gewesen, während ich weg war?« Ab und an konnte Schwester Ingrid ihren Chef knutschen. Sein dummes Gesicht hatte sie dann ein Stück weit entschädigt für die ganze Aufregung. Er schien ihr vor allem dankbar, dass sie der Praxis einen Toten erspart hatte. Schließlich war er im Notarztwagen gestorben, oder nicht? Ärzte schienen Schwester Ingrid ein generelles Problem mit dem Tod zu haben. Wer hatte das nicht, aber bei Ärzten war das etwas Eigenes, das war ihr schon öfter aufgefallen. Betrachteten sie den Tod als Niederlage? Um Himmels willen nicht in seine Nähe kommen? Schnell weg mit allem, was damit zu tun hatte? Aberglaube? 

             Ingrids Überlegungen überschlugen sich bald, sie musste unbedingt und auf der Stelle eine Toilette finden. Sie sah das Malheur schon vor sich. Sollte sie irgendwo klingeln? Allmählich wurde ihr alles egal. Und wenn sie sich hinter den nächsten Busch hockte. Auf der Straße begegneten sich Autos mit hell aufgeblendeten Scheinwerfern. Da vorne lockte die dunkle Brunnenaue … Unvermittelt bog sie ab und eilte im Laufschritt hinter ein Gebüsch. 

            Das Nächste, was sie wahrnahm: unsägliche Erleichterung. Und dass sie sich einen üppigen Knallerbsenstrauch ausgesucht hatte. Plötzlich klingelte unmittelbar neben ihr, über ihr leise ein Handy. Schwester Ingrid, noch immer in der Hocke, erstarrte. Eine Männerstimme fluchte leise, durch das Gesträuch konnte sie im Schummerlicht des Handydisplays das Profil des Mannes erahnen. Ungepflegtes längeres Blondhaar fiel ihm in die Stirn, er warf es mit einer ruckartigen Bewegung zurück, zischte ins Handy: »Die Alte iss mir entwischt, auffem Mal war se einfach wech. Verschwunnen, vonnen Erdboden verschluckt. Und jez du noch, lass mich bloß in Ruhe, vielleich find ich se noch wieder … Bleib ruhich, sonst postier ich mich morgen wieder beier Praxis. Ich krieg schonnoch raus, wo die Alte wohnt, keine Bange. Und dann sehn werr weiter. Wär doch noch schöner.« Der Mann klappte sein Handy zu, dessen bleiches Licht augenblicklich erlosch. Im Widerschein der Straßenlaterne war für Schwester Ingrid noch eine Weile durch das bereits vom Frühherbst etwas gelichtete Gebüsch der regungslose Schattenriss des Mannes zu sehen. Sie versuchte, nicht zu atmen. Wie kam sie nur an das Messer in ihrer Hosentasche? Panik überfiel sie. Sie sah schon die Fotos von sich in der Zeitung. Mit schwarzem Balken über den Augen. Und alle, alle würden sie wissen, dass sie weiße Kochschlüpfer trug. Getragen hatte. Und das in ihrer Größe. Damit würde sie den Leuten in Erinnerung bleiben. Nicht, dass sie das in diesem Moment wirklich interessierte, aber sie hatte die Erfahrung gemacht, dass abwegige Gedanken sie in Stresssituationen trefflich ablenkten. Sie aß einfach zu gerne auch einmal etwas Gutes. Und Fett war schließlich Geschmacksträger. Joghurt mit 0,1 Prozent Fettanteil, jaja. Schmeckte scheußlich. Und um halbwegs satt zu werden, musste man schon zwei davon essen. Hielt auch nicht lange vor. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie zugeben, dass ihre ewigen Gemüsestreifen mit fettreduzierten Dips vor allem Alibi waren. Dafür war das Leben eigentlich zu kurz. So was hatte sie doch nicht nötig. Schließlich war sie den ganzen Tag in Bewegung. Nie wieder Möhren mit Dip! Und wenn das hier nur dafür gut gewesen war. Gemeuchelt und womöglich geschändet im nächtlichen Park, was für ein Ende! Da musste man als Frau doch mit rechnen, dass einem so was nächtens in der nur spärlich beleuchteten Brunnenaue passieren konnte, da dachte man doch vorher dran. Sie war schließlich kein junges Ding mehr! Und die hatten heutzutage wenigstens alle ein Mobiltelefon, mit dem sie Hilfe rufen konnten. Da, der Schatten entfernte sich. Schwester Ingrid erhob sich vorsichtig, sämtliche Gelenke schmerzten. Sie schlich um das Gebüsch herum. Wartete so lange, bis der Rücken des blonden Mannes – groß war er und dünn, fast mager – auf dem Bürgersteig der Sarnowstraße Richtung Altstadt nicht mehr zu erkennen war. Dann machte sie sich strammen Schrittes in die entgegengesetzte Richtung auf zu ihrer Wohnung. Sie hielt das medizinische Schälmesser in ihrer Hosentasche fest umklammert. Das Ding hatte schon so mancher Dornwarze den Garaus gemacht. Bald war es auf der Straße zumindest wieder einigermaßen beleuchtet und bewohnt. Zur Not würde sie einfach laut um Hilfe schreien.