Haik und Paul – Eine Hiddensee-Erzählung

„Ich habe mir was eingetreten … einen Dorn, glaube ich.“ – Mit diesen Worten beginnt die zauberhafte Geschichte von Haik und Paul: zwei junge Leute, die ihre Ferien auf der Insel Hiddensee verbringen. Zwischen flirrender Hitze, quirliger Gesellschaft und einmaliger Landschaft finden sie zueinander, allen äußeren Einflüssen und inneren Kämpfen zum Trotz.

Benno Pludra, der erfolgreichste Jugendbuchautor der DDR-Geschichte, schuf in den den 1950er-Jahren mit dieser Erzählung zeitlos schöne Prosa. Nicht nur für Hiddensee-Fans eine Wiederentdeckung.

Benno Pludra: Haik und Paul – Eine Hiddensee-Erzählung
1.Auflage Juni 2020
200 Seiten, 14 Illustrationen
Illustratorin: Inka Erichsen, Berlin
Mit einem Nachwort von Peter und Katrin Hoffmann
Kartoniert, 19 x 12,5 x 1,6 cm (H x B x T)
ISBN: 9783941093232

13,00 

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           »Ich habe mir was eingetreten«, sagt sie,
»einen Dorn, glaube ich. Können Sie den mal
rausziehen?«
Der Inselsommer zirpt und summt, blinkt
aus dem Bodden, flammt im Spalier der Königskerzen
– und das Mädchen, wie es dort steht, ist
ein kleiner Sommer für sich. Ein Sprottchen in
Pulli und Shorts, barfuß, die Waden zerkratzt,
und überall braun wie tiefgebrannter Ton. Ihr
Haar ist schwarz, kurzgerupft, ungekämmt; ihre
Nase lugt vorwitzig in den Tag. Die Augen sind
arglos und offen, und ich sehe, sie warten auf
Antwort.
Ich habe am Bodden gesessen, allein. Im
Binsenkraut schwätzte das Wasser, und draußen
zog sacht ein rotgelohtes Segel. Der Tag war hoch
und hell und atmete gläserne Stille. Ich habe gesessen,
an nichts gedacht, träumte so vor mich
hin und wäre darüber wohl eingeschlafen. Da
kam von Süden das Mädchen, barfuß, auf dem
rechten Hacken hinkend, kam bis zu mir ins Vorland
des Boddens. Nun ja – 
Sie hat sich was eingetreten, sagt sie. Einen
Dorn. Ich soll ihn herausziehen. Sie wartet, und
ihre Augen, merke ich, werden ungeduldig. Ich
betrachte den Fuß, aber nur von oben. Die Sohle
kann ich nicht sehen. Ich trau mich auch nicht,
den Fuß ein wenig anzuheben, und frage, weil
ich nicht länger so stehen will: »Wo gibt’s denn
hier Dornen?«
»Dort hinten.« Sie zeigt nach Süden. »Ich
habe Brombeeren gesucht.«
»Brombeeren? Sind doch noch gar nicht
reif.«
»Aber rot. Ich esse sie rot am liebsten. Wollen
Sie nun mal den Dorn rausziehen?«
Ich sage: »Ja. Aber so geht’s nicht. Sie
müssten sich hinsetzen.«
Sie hat kleine, kräftige Füße; ihre Beine sind
dünn, aber nicht zu dünn. Der Dorn, ich finde
ihn schnell, steckt im Ballen des mittleren Zehs.
Ich wische den Staub von der harten Haut
und drücke behutsam, kneife den winzigen Holzpurzel
mit den Fingernägeln und ziehe ganz
leicht, damit er nicht wegbricht. Dann lege ich
das spitze Hölzchen auf meine Hand. Sie beugt
ihren Kopf darüber und lächelt, als wäre der Dorn
ein endlich besiegter Bösewicht. »So ein Biest«,
sagt sie, und zu mir sagt sie: »Danke.«
Danach ist es still zwischen uns, und ich
gucke, ob im Bodden vielleicht etwas zu entdecken
ist, worüber man sprechen könnte. Ich finde
nichts. Nur Möwen sind da, drei, vier, fünf, ein
ganzer Schwarm. Sie haben runde schwarze Köpfe
und schwarze Flügelspitzen. Sie zanken sich
in der Luft und drehen plötzlich ab. Zwischen
Schaprode und dem flachen grünen Wall der
Fährinsel taucht ein weißer Dampfer auf. Er zieht
einen Rauchschweif durch die Luft. Die Möwen
halten auf den Dampfer zu. Darüber könnte man
was erzählen. Aber wie anfangen?
Ich blicke verstohlen zur Seite. Das
Sprottchen merkt es und schaut mich an mit
großen grauen Augen, und ich sage verwirrt:
»Die Möwen wissen, wo es was zu holen gibt.«
»Die immer.« Sie lächelt, und ich sehe
zwischen ihren Lippen die Zähne. Sie scheint erfreut
zu sein, dass ich endlich etwas gesagt habe.
»Schon lange auf Hiddensee?«, fragt sie.
»Seit vorgestern.«
»Da haben Sie aber schnell Farbe gekriegt.«
Mir gefällt, wie sie das sagt. Ich spüre meine
Ohren heiß werden und antworte gleichgültig:
»Ich bin meistens draußen, lerne Landmesser.«
»Ach darum«, sagt sie und mustert mich
längere Zeit. Ich möchte wissen, wo sie die Ruhe
dazu hernimmt. Sie ist kein bisschen verlegen,
fragt weiter: »Wohnen Sie auch in Vitte?«
Ich deute mit dem Kopf nach hinten, wo
zwischen Heideland und Himmel die spitzen
Giebel vieler Zelte lugen, und sage, dass ich dort
mein Zelt habe. Darauf strahlt sie mich an. »Sie
machen Camping?«
»Ich zelte.«
»Aber das ist doch Camping!«
Na schön, denke ich, soll’s sein. Ich kann
das Wort nicht leiden, will aber nicht lange widersprechen.
Die Hälfte unsrer Zelter macht Camping
und spinnt sich was zurecht. Dabei schlafen
sie auch bloß auf Luftmatratzen, kochen den
Kaffee auf Spiritus, braten Eier, liegen am Strand.
Sie sind nicht in breiten Autos gekommen, um
nun mal die Mode mitzuspielen. Sie sind einfache
Leutchen, haben ein ganzes Jahr Arbeit
hinter sich, wollen Luft, Sonne, Erholung; doch
sie zelten nicht, sondern machen Camping. Weil’s
neuerdings so heißt.
Die Kleine hat da wohl auch was von weg,
und irgendwie, ja, sie ähnelt den Häschen im Lager,
könnte glatt aus dem Lager sein, hockt im Gras, als
wären wir seit Jahr und Tag die dicksten Freunde;
ganz selbstverständlich hockt sie da, braun, blank,
gesund, und blinzelt heiter zu mir her.
Ich werde rot. Wie immer, wenn mich ein
Mädchen näher anschaut. Ich kann nichts dagegen
tun. Kann mich nur ärgern und warten, dass
es vorübergeht. Bei ihr warte ich umsonst. Es geht
nicht vorüber. Mein Kopf ist wie ein Siedekessel.
Sie steht jetzt auf und sagt: »Ich werd mal
gehen.« Sie zupft an ihren Shorts, obwohl es
keinen Zweck hat, dass sie zupft. Die kurzen Hosen
werden davon nicht länger. Dann zieht sie
den Pulli glatt. Der Pulli ist quergestreift, rot und
weiß. Er strafft sich um die kleine Brust, und es
sieht aus, als ob sie nichts weiter drunter hat.