Der Schatz der Wulflams – Ein Stralsund-Roman

Schon ein seltsamer Ort, dieses ururalte Händlerhaus in der Stralsunder Altstadt. Doch Sabine Hauser fühlt sich dort ganz zu Hause. Einst gehörte das völlig heruntergekommene Gebäude ihrer Familie, heute betreibt sie in dem schmucken Museum einen kleinen Buchladen. Dort laufen allerhand Gerüchte zusammen, die die Stadt beschäftigen. Das reicht von merkwürdigen Todesfällen im Stadtarchiv bis zu einer Schatzsuche, die weit in die Vergangenheit führt. Wird die Liebe auch diesmal Zank, Neid und Missgunst überwinden?

Katrin und Peter Hoffmann: Der Schatz der Wulflams – Ein Stralsund-Roman

Erstauflage August 2020

328 Seiten/11 Abbildungen mit Auszügen aus der „Sundischen Zeitung“ von 1840

Mit einem Nachwort zur Sage „Die arme reiche Frau von Stralsund“

Kartoniert, 19 x 12,5 x 2,6

ISBN 9783941093249

14,00 

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          »Ah, haha, hahaha! Das ist ein gaaaanz alter
Hut. Hahaha. Das können Sie total vergessen. Reine Legende!
« Dr. Müntzer konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
Wollte er auch nicht. Er konnte diese arrogante
Praktikantin nicht ausstehen, die ihm der Chef aufs
Auge gedrückt hatte. Keine Bildung, kein akademischer
Grad, nur irgendeine Angestellte bei irgendeinem Händler.
Was sollte die hier für eine Hilfe sein? In einem Stadtarchiv
wie dem Stralsunder, dessen Bestände bis ins
13. Jahrhundert zurückreichten? Pah, die konnte ihm
nicht auch nur im Entferntesten das Wasser reichen.
Was machte das Dämchen mit seinen kurzen Röcken
und hochhackigen Pumps hier überhaupt? Half sie etwa
bei der Digitalisierung der Bestände, wie es ursprünglich
geheißen hatte? Nein. Die schnüffelte hier nur umher,
wühlte ständig in den Regalen. Fotografierte und tippte
immerzu auf ihrem Tablet herum. Und ging dem Chef
ganz ordinär um den Bart. Das Dämchen klimperte
sofort mit den Wimpern und brachte ihre Hüften in
Schwung, wenn der Chef nur in der Nähe war. Widerliches
Weibsbild. Seine Einladung zum Abendessen
hatte sie ausgeschlagen. Aber dem Chef machte sie ungeniert
Avancen. Und der war immerhin ein Vierteljahrhundert
älter als er. Und als sie sowieso.
       Wie schön, dass er dem Dämchen jetzt mal ungehemmt
ins Gesicht lachen konnte. Da war sie doch
über Wulflams angebliche Schatzliste gestolpert. Auch
der allerletzte Praktikant schloss sich irgendwann den
Schatzsuchern an. Dabei war da nichts. Er wusste es
am besten. Hatte selbst viele Jahre damit vergeudet,
nach den Wulflam’schen Schätzen zu forschen. Er,
der mit Abstand qualifizierteste, gründlichste und
publikumswirksamste Archivmitarbeiter, den Stralsund
hatte. Ein würdiger Nachfolger für Professor
Ewe, dessen Protegé er am Anfang seiner Laufbahn
gewesen war. Längst hätte er die Nachfolge des legendären
Archivleiters und Forschers antreten müssen.
Aber immer war irgend so ein Bürohengst vor
ihm am Drücker gewesen. Dabei sitzen die alle nur
ihren Hintern breit mit Verwaltungsarbeit. Wer sucht
denn die kniffligen Sachen? Wer hält die ganzen Vorträge?
Wer schreibt regelmäßig für die Zeitung? Der
einzige wirkliche Wissenschaftler in diesen heiligen
Hallen voller historischer Schätze war er, Doktor Norbert
Müntzer! Wie konnten sie es nur wagen, ihm
diese arrogante Tussi aufs Auge zu drücken? Er war
doch kein Babysitter für unterqualifizierte, raffgierige
Schatzsucher!
              Aber worüber regte er sich überhaupt auf? Die
Wulflam’sche Schatzliste oder -karte war nur eine
Legende. Ein derart bezeichnetes Dokument tauchte
über die Jahrhunderte immer wieder mal auf. Manchmal
falsch abgeschrieben, manchmal kreativ ergänzt,
manchmal frei erfunden. Alles nicht echt und eine
einzige Sackgasse. Die Bestände aus der Entstehungszeit
hatte er im Blick. Da gab es noch das eine oder
andere in Dänisch oder Norwegisch, was der Übersetzung
harrte, aber ansonsten kannte er die Urkunden,
Protokollbände und Nachlässe aus dem 14./Anfang
15. Jahrhundert ganz gut. Auf jeden Fall viel gründlicher
als diese blöde Kuh, die ihm ihre kleine Entdeckung
als Wunderwas verkaufen wollte. Einfach
lachhaft!
             Das Dämchen stand schmollend da und wartete
entnervt, bis Dr. Müntzers Heiterkeitsausbruch
abebbte. »Aber könnte das nicht …«, hob sie dann mit
gereizter Stimme erneut an.
            »Nein, könnte nicht«, schnitt er ihr bewusst
aggressiv das Wort ab. »Diesen Firlefanz haben Heerscharen
von Archivaren, Wissenschaftlern und Heimatforschern
aller Couleur längst widerlegt. Darunter
sehr intime Kenner der Stralsunder Stadtgeschichte,
die Rang und Namen haben. Meine hochverehrte
junge Dame aus dem fernen Bayern, lassen Sie sich
von all diesen Koryphäen gesagt sein: Der Schatz der
Wulflams ist ein Märchen! Ein Wunschtraum!«
             Die Wulflams, eine der mächtigsten und angesehensten
Familien der Hanse-Zeit, erregten die Gemüter
bis heute. Sie galten als so aberwitzig reich und
mächtig, dass ihre Verschwendungssucht Bewunderer
und Neider gleichermaßen auf den Plan rief. Wahrscheinlich
waren sie seinerzeit so populär wie heute
die royalen Häuser in Europa – Gegenstand von Sehnsucht,
Klatsch und Phantasie, die Heerscharen von
Illustrierten-Lesern und Magazin-Guckern beschäftigten.
Außerdem boten die Wulflams das klassische
Drama von Aufstieg und Fall: Bertram Wulflam, der
1364 Bürgermeister von Stralsund wurde, galt schon
als »der reichste Mann an der Ostsee«. Er bestimmte
die Politik der Hanse in wesentlichen Teilen mit,
handelte aber auch selbstherrlich im Namen der Stadt
Stralsund, ohne seine Ratskollegen davon auch nur in
Kenntnis zu setzen. Sein Sohn Wulfard Wulflam ging
nicht zuletzt wegen der überaus prächtigen Hochzeit
mit der wunderschönen, hochmütigen Margarethe in
die Stadtgeschichte ein. Weil es kurz vor der Trauung
geregnet hatte, ließ man vom prunkvollen Bürgerhaus
der Wulflams bis hinüber zur Ratskirche quer
über den Alten Markt eine Bahn kostbaren Stoffes
entrollen, damit die Braut trockenen Fußes zum Altar
kam. Für das 14. Jahrhundert eine unvorstellbare
Verschwendung. Die Hofhaltung der Wulflams habe
sich durchaus mit der des Pommerschen Herzogs in
Wolgast messen lassen, hieß es dazu in historischen
Quellen. Umso tiefer war der Sturz der sagenhaften
Familie: 1409 fiel Wulfard Wulflam auf dem Kirchhof
von Bergen einem Anschlag auf sein Leben zum Opfer.
Das Vermögen war danach futsch, die Witwe endete
in völliger Armut und ging vor der Kirche betteln. Die
tragische Figur der Margarethe Wulflam bildete den
Stoff für die Stadtsage von der »armen reichen Frau«,
die alle Stralsunder kannten. War es ein Wunder, dass
manche da noch an versteckte Schätze glaubten, die
die Wulflams vielleicht irgendwo vergraben hatten?
           Noch einmal versuchte die Praktikantin, zu
Wort zu kommen. Doch Müntzer redete mit einer
heftigen Kopfbewegung, als wollte er mit einem
Schnabel nach ihr hacken, einfach weiter: »Es mag
wohl sein, dass die allmächtigen Wulflams hie und da
in die Stadtkasse gegriffen haben, um ihre Geschäfte
zu befördern. Mit hoher Sicherheit ist das entlehnte
Geld irgendwann zurückgeflossen. Aber dass sie systematisch
Gold und Gut unterschlagen haben, um es
irgendwo in der Erde zu vergraben, ist ein völlig unhistorisches
Hirngespinst. Eine phantastische Vision,
die ihre zahlreichen Feinde und Neider unters Volk
gebracht haben dürften. Und wie gesagt: Ein gaaaanz
alter Hut.«
           »Aber …«
           »Alter Hut! Erledigt! Total langweilig!«, kreischte
Dr. Müntzer, um die Praktikantin aus Nürnberg
endlich mundtot zu machen. »Und jetzt stehlen Sie
mir bitte nicht länger meine Zeit.«
Mit diesen Worten drehte ihr Müntzer den
Rücken zu, drückte energisch die Aktenordner an die
Brust, die er eine Etage tiefer zum Lesesaal bringen
wollte und marschierte beschwingt auf die Treppe zu.
Endlich hatte er es dem Dämchen mal richtig gezeigt.
Die neunmalkluge Wessi-Ziege, die sollte ihm nochmal
kommen! In seinem Archiv machte ihm niemand
etwas vor. Und solche wie die schon gar nicht.
           Arschloch, dachte die Praktikantin. Dann
setzte sie sich schnell und zielstrebig in Bewegung.
Am Treppenabsatz hatte sie ihn eingeholt, befand sich
genau hinter ihm. Als er den rechten Fuß hob, um
die erste Stufe herunterzusteigen, ging sie blitzschnell
in die Hocke, packte sein Hosenbein und zog seinen
Unterschenkel daran energisch in die Höhe. Sie hielt
genau vier Sekunden fest. Der Archivar geriet wunschgemäß
ins Straucheln. Als er vornüberkippte, ließ er
das Aktenbündel fallen und ruderte mit den Armen,
um das Treppengeländer zu erwischen. Doch er fasste
daneben. Sein Sturz die Treppe hinab wurde von der
Praktikantin durch einen gezielten Stoß zwischen die
Schulterblätter beschleunigt. Er fiel wie ein Brett, den
Kopf voran. In der engen Kehre kullerte er über die
Aktenblätter, die vor ihm die Stufen hinuntergerutscht
waren und überschlug sich. Sein Körper nahm dadurch
auf der zweiten Hälfte der Treppe sogar noch
mehr Schwung auf, obwohl der Kopf mehrmals gegen
Wand, Stufen und Geländer schlug. Zum Schreien
blieb Dr. Müntzer keine Zeit mehr. Er wusste nur,
dass etwas Schreckliches geschah. Eine ungeheure
Angst ergriff von ihm Besitz, die er aber bei seiner Ankunft
am Ende der Treppe schon nicht mehr wahrnahm.
Ein mehrfacher Schädelbruch hatte ihn gnädig
des Bewusstseins beraubt.
          Dafür schrie die Praktikantin. Aus Leibeskräften.
Gequält und erschrocken sollte es klingen, fassungsund
hilflos. Sie fand, ihr Schrei war gut gelungen. Als
sie die ersten Bürotüren auffliegen und Beine loslaufen
hörte, eilte sie dem abgestürzten Archivar hinterher.
»Zu Hilfe, zu Hilfe! Dr. Müntzer ist gestürzt!«, rief sie
und legte so viel Panik wie möglich in ihre Stimme.
In der Treppenkehre blieb sie stehen und presste
sich mit weit aufgerissenen Augen die Hand auf den
Mund. Ein paar Tränen wären jetzt schön, dachte sie,
aber das bekomme ich irgendwie nicht hin. Entsetzte
Augen müssen reichen.
           Sowohl über als auch unter ihr füllten die anderen
Archivmitarbeiter und Besucher Treppe und
Flur. Auch aus dem Lesesaal drängten Neugierige.
Alle standen wie erstarrt vor Müntzers leblosem Körper
und glotzten auf die kleine Blutlache, die sich