Die Morde an den Patienten der Landesheilanstalt Stralsund
„Von Anfang Dezember 1939 bis Mitte Januar 1940 wurden in der Anstalt Dziekanka rund 1.043 Patienten von Langes Sonderkommando ermordet. Bei zwei ‚Aktionen‘ in der Anstalt Kosten (Koscian) Mitte Januar 1940 wurden 543 Patienten getötet und Wehrmachtstruppen in die geräumte Einrichtung verlegt. Im Februar bis Anfang März wurden 2.750 Patienten aus deutschen Krankenhäusern wie Stettin, Treptow und Lauenburg zur Tötung nach Koscian gebracht. Dutzende von Patienten aus dem Stralsunder Krankenhaus, die in die Anstalt Ueckermünde ‚evakuiert‘ worden waren, wurden von Langes Kommando ebenfalls zur Vergasung nach Koscian gebracht.“ So Andrew Wallis in seiner unten erwähnten Abhandlung vom September 2024 auf Seite 92. Hier schließt sich ein Kreis zu Herbert Langes Heimatstadt Stralsund.

Krankenhaus-West in Stralsund: „Viele Patienten, die in Krankenhäuser wie Ueckermünde ‚evakuiert‘ wurden, wurden später nach Kosten (Koscian) verlegt und Anfang 1940 von Langes Sonderkommando vergast.“ Andrew Wallis, Stralsunder Hefte vom September 2024, Seite 93.
Im Bildvordergrund links sieht man die auf dem Klinikumsgelände verlegte Stolperschwelle, die an die 1.160 von dort deportierten Patienten erinnert. Eine zweite Stolperschwelle befindet sich auf dem Stralsunder Hauptbahnhof, wenn man aus dem Hauptgebäude in Richtung Gleise geht. Foto: Peter Hoffmann
„Kurz nach Beginn des II. Weltkrieges wurde die Landesheilanstalt Stralsund 1939 als erste Klinik auf deutschem Boden auf Veranlassung des Gauleiters für die preußische Provinz Pommern, Franz Schwede-Coburg (1888-1960), aufgelöst, um das Gelände als SS-Kaserne zu nutzen. Dabei wurden 1.160 Patienten in zehn Transporten mit dem Zug deportiert.
Die Räumung der Stralsunder Heilanstalt begann am 17.11.1939 – noch vor dem offiziellen Beginn der zentralen ‚Euthanasie‘-Aktion ‚T4‘. Die Krankenbücher weisen für die ersten drei Patiententransporte lediglich den Passus ‚ver(legt) in West(preußische) Anstalt‘ auf. Dies stellte die Chiffre für die Mordaktion dar, bei der auf dem besetzten polnischen Territorium in den Wäldern von Piasnica bei Neustadt (Wejhewero) im Gau Danzig-Westpreußen etwa 1.400 Patienten aus den Heilanstalten des pommerschen Provinzialverbandes erschossen wurden. 300 dieser Patienten stammten aus Stralsund. Sie wurden in Transporten mit je 50 Männern und 50 Frauen am 17.11, 20.11. und 29.11 1939 direkt der Tötung zugeführt. Das klinikeigene Personal begleitete sie bis zur Bahnstation in Neustadt. Dort wurden die Patienten, die zuvor mit Medikamenten stark sediert worden waren, von Angehörigen des ‚SS-Wachsturmbanns E‘ übernommen, mit Lastwagen in den Wald gefahren und nacheinander durch Genickschuss getötet.
Mit sieben weiteren Transporten in die Landesheilanstalten Lauenburg, Treptow an der Rega und Ueckermünde wurde der überwiegende Teil der verbliebenen Patienten bis Mitte Dezember verlegt. Am 9.12. und 11.12.1939 verbrachte man 355 Patienten nach Lauenburg. Auch diese Anstalt wurde bereits Anfang 1940 für eine Nutzung durch die Waffen-SS aufgelöst, wobei man einen Teil der Patienten im Warthegau vergaste und den anderen Teil in die noch bestehenden Kliniken verlegte, wo sie von der ‚Aktion T4‘ erfasst wurden.
279 Patienten aus Stralsund verließen mit Transporten am 12.12, 13,12. und 14.12.1939 die Anstalt in Richtung Treptow an der Rega. Auch diese Anstalt wurde mit der Verlegung von 665 Patienten nach Meseritz-Obrawalde Ende Juli 1941 geräumt. Hier richtete man nachfolgend ein Lazarett ein. Nachweislich wurden 157 der Stralsunder Patienten von Treptow an der Rega nach Posen und Meseritz-Obrawalde verlegt, wo sie mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet wurden.
Am 9.12. und 10.12.1939 gingen zwei Transporte mit 226 Patienten auf den Weg in die Landesheilanstalt Ueckermünde. Von dort verließen Patiententransporte die Anstalt nach Neustadt, Kosten bzw. in den Warthegau, nach Meseritz-Obrawalde, Kückenmühle und andere Einrichtungen. Ende Februar 1940 waren bereits 502 der Ueckermünder Patienten erschossen oder durch Gas getötet worden. Auch die überwiegende Zahl der von Stralsund nach Ueckermünde verlegten Patienten fand den Tod.
Mehr als 100 Patienten verblieben offenbar zunächst auf dem hiesigen Klinikgelände. Mit der endgültigen Auflösung wurden diese, wie auch Angehörige des Personals, in die spätere Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde verlegt. Ihre Namen sind in den Transportlisten der Hauptkrankenbücher nicht dokumentiert und konnten somit nicht erfasst werden. Es gibt Hinweise, dass einige wenige nur leicht kranke Patienten, die zur Arbeit gebraucht wurden, noch nach 1939 auf dem Gelände verblieben.“
Diese Angaben stehen auf der Mahnmal-Stele am Gedenkort neben der Klinikumskirche auf dem Gelände des Krankenhauses West – Helios Hanseklinikum, Stralsund, eingeweiht 2013. Die Stelen am Gedenkort geben Auskunft über die Morde an den Patienten der damaligen Landesheilanstalt Stralsund und listen die Namen der Opfer auf, soweit diese bekannt sind. Auf diese Weise wird versucht, „ihnen einen Teil ihrer Würde zurückzugeben, das ihnen geschehene Unrecht anzuerkennen und an ihr Schicksal zu mahnen“.
Bereits diese Patientenmorde – mithin die ersten organisierten nationalsozialistischen Massenmorde – wären nicht möglich gewesen ohne ihr gesellschaftliches Umfeld – und das war die nationalsozialistische Volksgemeinschaft. 1.160 Patienten verschwinden aus Stralsund: Es gab die direkten Täter. Es gab die Helfer und Helfershelfer. Es gab die, die weggesehen und geschwiegen haben, die nicht wissen und vergessen wollten.
Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang auch den Beitrag vom 26. Mai 2026.